Striptease oder Polizei

8. Jänner 2002, 20:22
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Auf einer Sympathiewertskala wäre Herr Georg mit seinen Straftaten ein so genanntes Schlusslicht. Die Anklage wirft ihm Nötigung, Diebstahl, Unterschlagung und Erpressung vor.

Er war ausgelernter Kaufmann, wurde Filialleiter in einem Supermarkt, verdiente gut, heiratete, baute ein Haus, verschuldete sich. Er installierte in seinem Büro eine Videokamera, beobachtete die Kunden bei den Regalen, ersetzte den Kaufhausdetektiv. Hatte er Ladendiebe erwischt, stellte er sie bei der Kassa, verlangte 1000 Schilling (bei besonders verschreckten oder betagten Kunden auch mehr) und steckte das Geld ein. - Das war noch die harmloseste Variante.

Waren die Diebe zufällig gut aussehende junge Frauen, nahm er sie in sein Büro mit und drohte ihnen mit Anzeigen bei der Polizei. Ihre einzige Chance, dem zu entgehen: Sie mussten sich vor ihm ausziehen, er machte Fotos von ihnen. Danach verlangte er je 1000 Schilling "Bearbeitungsgebühr". - Das war die weniger harmlose Variante.

Waren die Kunden besonders gut aussehende junge Frauen, aber leider keine Diebinnen, machte er eine Ausnahme: Er sprach sie an, brachte sie in sein Büro und behauptete, er hätte sie beim Diebstahl erwischt, das würde ernste Konsequenzen haben. Das war die am wenigsten harmlose Variante.

Zum Beispiel beobachtete er Sandra, wie sie einen Kosmetikartikel probierte, aber leider wieder ins Regal zurücklegte. Egal. Er nahm sie mit, herrschte sie an, er würde die Polizei verständigen. "Ich war aufgelöst, ich hatte Angst um meinen Job. Er hat mich total unter Druck gesetzt", erzählt die junge Zeugin. Schließlich sagte er zu ihr: "Sie haben eine Möglichkeit, Ihre Unschuld zu beweisen." - Sie musste sich entkleiden. Auf einem Zettel stand sogar die Reihenfolge, in der sie das Gewand abzulegen hatte. Den Strip fotografierte er.

"Für wen waren die Bilder?", fragt der Richter. "Nur für mich, ich mochte erotische Fotos", erwidert der Angeklagte. "Es ist so niedrig, so scheußlich, so verwerflich, ich bin empört", wütet die Staatsanwältin. "Eine Schweinerei ist es schon", bestätigt der Richter. Das Urteil: zwei Jahre Haft bedingt. Der Anklägerin ist das zu wenig, sie beruft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2002)

Von Daniel Glattauer
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