Für Nato, Kirche und Bauern

8. Jänner 2002, 20:06
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Die Volkspartei kann mit Wirtschaftsthemen punkten, in Sozialfragen aber kaum

Wien/Linz - Heute, Mittwoch, eröffnet die ÖVP den Reigen der Neujahrstreffen - und sie versucht dabei, ihre Wirtschaftskompetenz herauszuputzen: Im Haus von austriamicrosystems in Unterpremstätten wird - allerdings teilweise hinter verschlossenen Türen - das Thema "wirtschaft.leben.2010 - Land der Chancen" diskutiert.

Damit unterstreicht die Partei eine jener Kernkompetenzen, die ihr auch in Umfragen nicht streitig gemacht werden: Sie wird in den market-Umfragen mit nur geringen Schwankungen als die Partei der Unternehmer (55 %), des internationalen Kapitals, der Anleger und des Managements (jeweils 47 %) ausgewiesen. Diese Zuordnungen sind zwar bei den jüngeren Befragten etwas schwächer ausgeprägt, aber insgesamt stabil.

market-Chef Werner Beutelmeyer: "Junge Leute haben ein weniger traditionelles Politikverständnis. Sie sehen auch die Bindung der ÖVP an kirchliche Interessen, das christlich-soziale Element, weniger stark. Man muss aber generell sagen, dass die ÖVP bei den jüngeren Befragten ein schwächer ausgeprägtes Profil hat: Die sagen auch nicht so deutlich, dass die ÖVP für Nato-Beitritt steht."

Bedeutsam sei nicht nur, wofür eine Partei steht (wie die Tabelle zeigt, sind das Kirche, Bauern, Nato und Wirtschaft), sondern auch, wofür sie eben nicht steht: Das ist das "grüne Thema" Natur- und Umweltschutz und die Interessen sexueller Minderheiten, die nur zehn Prozent der Bevölkerung von der ÖVP vertreten sehen. Nur jeweils zwölf Prozent sehen die ÖVP als eine Partei, die Chancengleichheit zwischen Arm und Reich, Mann und Frau vertritt, die niedrige Mieten befürwortet oder Freunderlwirtschaft abstellen will.

"Auffallend wenig wird der ÖVP auch im Sozialbereich zugetraut", sagt Beutelmeyer, "nicht einmal ihre eigenen Anhänger glauben, dass sie Interessen der Arbeitslosen oder der einfachen Arbeiter vertritt. Allerdings sind die ÖVP-Anhänger in hohem Maß der Meinung, dass sie für Arbeitsplätze und für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht."

Nur wird diese Einschätzung vom Großteil der Bevölkerung nicht geteilt. Das zeigt sich auch in der Bewertung einzelner Politiker: ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel wird (ebenso wie dem niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll) von 22 Prozent der Österreicher die Eigenschaft "sozial" zugetraut, bei Benita Ferrero-Waldner sind es 20 Prozent.

(DerStandard,Print-Ausgabe,9.1.2002)
von Conrad Seidl
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