Alter mehrdeutiger Meister

Gerhard Richter ist 70, schon lang im Maler-Olymp und bald mit einer Retro großer MoMA-Star

Foto: APA/dpa/Hollemann


Keine große Sammlung, kaum eine Auktion kommt ohne ihn aus: Der deutsche Maler Gerhard Richter sitzt schon zu Lebzeiten im Maler-Olymp. Am Donnerstag wird er 70, am 14. Februar startet eine Retrospektive im MoMA.

Von Doris Krumpl


In Zeiten, in denen Ereignisse des 11. September sofort zu fragwürdigen Kunstwerke verwurstet oder etwa gar großflächige Vermissten-Anzeigen als Kunst ausgestellt werden, tun Bilder wie die von Gerhard Richter gut. Undeutlich, mehrdeutig, langsam und langatmig bahnt er sich ordnend den Weg durch (künstliche) Bilderwelten. Und auch weil der 1932 aus Dresden gebürtige Künstler über ein Oeuvre aus 40 Jahren zurückschauen kann - auf das ab 14. Februar auch das Museum of Modern Art (MoMA) in New York mit 180 Beispielen blickt - schätzt man ihn als einen der bedeutendsten unter den, wie es heißt, "lebenden Künstlern".

Foto: Sammlung Essl
Farbige Abstraktionen mit gegenständlichem Bezug:
Gerhard Richters "Netz" (1985) aus der Sammlung Essl, Klosterneuburg

Einer der teuersten ist er absolut, das "Monstre sacré der deutschen Nachkriegsmalerei" (Artforum), das heute 70 Jahre alt wird. So wechselte zum Beispiel im Juli 2000 das postmoderne Werk 180 Farben bei Sotheby's London für 2,86 Millionen Euro den Besitzer. Jede große Privatsammlung aktueller Kunst muss neben Warhol auch einen Richter haben.

Ein bisschen öd - und für die Kunstgeschichtsschreibung gefährlich wie fragwürdig - dürfte es schon sein, zu Lebzeiten in die Kategorie der Klassiker, ja der Alten Meister gereiht zu werden.

So heterogen seine Arbeiten auch erscheinen, die Folie, vor der sich alles abspielt und abbildet, heißt bezeichnenderweise Atlas. Ein immenses Archiv, bei der vorigen documenta 1997 eines der zentralen Werke der ganzen Veranstaltung: eine Flut aus Fotos, Zeichnungen Farbtafeln und Fundstücken - Stoffe für Bilder, die immer wieder Bilder nach dem sprichwörtlichen "letzten Bild" sind. Der Weg ist das Ziel.

Aufgrund seines Stilpluralismus feiert man ihn als "Meister der Mehrdeutigkeit" - und das ist dann natürlich optimale Voraussetzung für Interpretationen, die sich jeder zurechtlegen kann. Jedem sein eigener Richter: ob stark vergrößerte, abstrahierte Fotoausschnitte, die er malt, oder die undeutlich-deutlichen fotorealistischen Arbeiten, oder auch endlose, wirbelige Landschaftsbilder.

Stumpfe, grau ausgelöschte Monochromien stehen geometrisch abgezirkelten Farbtafeln gegenüber. Dieser Geometrie widersprechen wiederum die abstrakt titulierten Malereien aus Schichten und Schlieren, die durch Abkratzen von Farbe entstandenen "Zerstörungswerke".

Koketterie mag im Spiel sein, wenn Richter 1965 in seinen Notizen schreibt "Ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder". Aber dieses nicht Festlegen-Wollen, das nicht als Zaudern, sondern als Zweifeln ausgelegt wird, zeichnet diesen Maler aus, und das hat auch biografische Gründe. Richter, der als Junge der FDJ beitrat, die Schule mit 16 verließ und u. a. Bühnenmaler in Zittau war, floh kurz vor dem Mauerbau aus der DDR nach Köln, seinem Wohnsitz bis heute. Und eröffnete sein West-Dasein 1963 mit fotorealistischen Bildern. Ausstellungstitel: "Demonstration für den Kapitalistischen Realismus".

Der Wucht historischer Tatsachen kontert er mit malerischer Autonomie. Berühmt und debattenträchtig Richters - heute im Besitz des MoMA befindlicher - 15-teiliger, schwarz-weißer "Stammheim-Zyklus" (18. Oktober 1977), rund zehn Jahre nach dem Ereignis gemalt nach Fotos von den toten Stammheimer RAF-Häftlingen. Nicht politische Aktualität stand dabei laut Richter im Vordergrund, sondern der "Tod als Abschied schlechthin", und auch als Abschied von einer bestimmten Heilslehre. Nun ist auch Richter selbst zu einer Art Heilsbringer der Kunstszene und des Markts.

WEB-TIPP: MoMA.org
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 1. 2002)

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