Bosnischer Minister Prlic gibt Verantwortung für Internierungslager zu

8. Jänner 2002, 15:45
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Schuldzuweisungen an Tudjman, Boban und Suska

Sarajewo/Wien - Der stellvertretende Außenhandelsminister Bosnien-Herzegowinas, Jadranko Prlic, soll gegenüber den Ermittlungsrichtern des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag die Verantwortung für die Bildung von Lagern für gefangene Moslems in der Herzegowina während des Kriegsjahres 1993 zugegeben haben. Wie die jugoslawische Nachrichtenagentur Tanjug unter Berufung auf Quellen in Mostar am Dienstag berichtete, habe Prlic allerdings die ganze Schuld auf die bereits verstorbenen kroatischen Führer gewälzt, den ehemaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, Ex-Verteidigungsminister Gojko Suska und den Ex-Präsidenten der "Herceg-Bosna" Mate Boban.

Prlic war während des Krieges in Bosnien-Herzegowina (1992-1995) Ministerpräsident und kurzfristig auch Präsident des illegalen Seperatstaates "Herceg-Bosna". Er sei Ende Dezember als mutmaßlicher Kriegsverbrecher fünf Tage lang von den Haager Ermittlungsrichtern angehört worden. Prlic, der bis vor einem Jahr als kroatischer Vertreter im Ministerrat Bosnien-Herzegowinas auch die Funktion des Außenministers ausgeübt hatte, habe sich freiwillig für eine Kooperation mit dem UNO-Tribunal entschieden, berichtete Tanjug.

"Die Wahrheit wird ans Tageslicht kommen"

Zuvor hatte der amtierende Vize-Außenhandelsminister alle Anschuldigungen mehrmals zurückgewiesen. Verantwortlich sei er nur für den Aufbau des Militärgefängnisses von Gabela gewesen. Darin seien aber niemals Zivilisten festgehalten worden, hatte Prlic erklärt. Ohne Namen genannt zu haben, ließ er aber in mehreren Interviews durchblicken, die wahren Täter zu kennen. "Ich werde niemanden anklagen, aber es ist bekannt, wer Schuld hat. Die Wahrheit wird vor Gericht ans Tageslicht kommen."

Bosnisch-kroatische Behörden in der Herceg-Bosna hatten im Jahr 1993 mehrere tausend moslemische Zivilisten zusammengetrieben und in den Lagern festgehalten. Die Lebensumstände waren teilweise fatal. Die Gefangenen erhielten kaum Nahrung, sie mussten tagelang hungern und wurden geschlagen und gefoltert. Augenzeugenberichten zufolge soll es auch zu Hinrichtungen gekommen sein. (APA)

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