Prozess nach "Wüsten-Überfall" in Linz fortgesetzt

8. Jänner 2002, 16:18
posten

Projektleiter: Hunger ist Teil des "Lernprozesses" für die Jugendlichen

Fortgesetzt wurde am Dienstag beim Landesgericht Linz der Prozess gegen vier verhaltensauffällige Jugendliche, denen die Anklage versuchten Mord in neun Fällen vorwirft. Es geht um ein "erlebnispädagogisches" Projekt in der Wüste Sinai, bei dem es zu den folgenschweren Vorfällen gekommen sein soll. Die Verteidigung argumentiert, dass die Jugendlichen nie eine Tötungsabsicht gehabt hätten.

Beduinen wurden mit Steinen attackiert

Angeklagt sind ein Mädchen aus Salzburg und eines aus Wien sowie zwei Burschen, einer aus Wien und einer aus Graz. Alle sind zwischen 15 und 18 Jahre alt. Sie hatten im Februar des vergangen Jahres mit neun österreichischen beziehungsweise ägyptischen Betreuern an dem Wüsten-Projekt teilgenommen. Offensichtlich aber mit falschen Erwartungen, es wurde daraus ein Trip mit großen Strapazen und kein "Urlaub". Schließlich eskalierte der Unmut der Jugendlichen, sie entschlossen sich zur "Flucht". Zuvor sollten alle neun Betreuer "ausgeschaltet" werden, um an die Kasse heranzukommen. In der Nacht zum 1. April wurden drei Beduinen mit Steinen attackiert und verletzt. Die weiteren Betreuer wurden nicht verletzt.

Versuchter Mord für den Staatsanwalt

Für den Staatsanwalt liegt versuchter Mord in neun Fällen vor, die Jugendlichen und deren Verteidiger sprechen nicht von Tötungsabsicht sondern nur von "Wüstenfantasien" in der Stresssituation.

Am Dienstag wurde unter anderem der Leiter des Projekts, ein Linzer Sozialpädagoge, als Zeuge befragt. Er wies die Kritik zurück, dass es in der Vorbereitung des Projekts organisatorische Fehler gegeben habe. Die Jugendlichen hatten erklärt, dass sie bei ihrem Wüsten-Trip zu wenig zu essen gehabt hätten und der Hunger ihr ständiger Begleiter gewesen sei. Laut einem Gutachten seien pro Jugendlichem und Tag Nahrungsmittel mit insgesamt 2.000 Kalorien zur Verfügung gestanden, angesichts der Anstrengungen wären aber 4.000 Kalorien erforderlich gewesen.

Hunger ist Teil des "Lernprozesses" für die Jugendlichen

Der Projektleiter konterte, es sei Teil des "Lernprozesses" für die Jugendlichen gewesen, dass sie sich ihre Essensvorräte selbst einteilen mussten, "wenn sie an einem Tag zu viel aßen, mussten sie am nächsten die Konsequenzen des Hungers tragen, das sollten sie lernen", so der Sozialpädagoge.

Keine Spezialausbildung für Projekte der "Erlebnispädagogik"

Zur Sprache kam beim Prozess auch, dass es in Österreich keine Spezialausbildung für Projekte der "Erlebnispädagogik" mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gibt. Die Jugendwohlfahrt als Behörde schreibt allerdings vor, dass als Begleiter bei solchen Projekten nur Sozialpädagogen mit entsprechender Spezialausbildung eingesetzt werden dürfen. Im vorliegenden Fall seien, so der Projektleiter, erfahrene Betreuer eingesetzt worden, allerdings - mangels Ausbildungsmöglichkeit - keine mit spezieller Schulung in "Erlebnispädagogik". (APA)

Share if you care.