Hunderttausende Afghanen können nicht humanitär versorgt werden

8. Jänner 2002, 13:49
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Verzweifelte Situation in Kandahar und Mazar-i-Sharif - Anhaltende Fluchtwelle

Genf - Wegen anhaltender Sicherheitsprobleme können Hunderttausende von Afghanen nicht von internationalen Hilfsorganisationen versorgt werden. Allein in der früheren Taliban-Hochburg Kandahar warten rund 400.000 Einwohner seit Ende September auf Hilfslieferungen, sagte die Sprecherin des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, Christiane Berthiaume, am Dienstag in Genf. Ihre Organisation habe genug Lebensmittel in Afghanistan, um sechs Millionen Menschen zu helfen. Aber die Hälfte sei erst verteilt worden. Problematisch nannte Berthiaume die Sicherheitslage außerdem südlich von Mazar-i-Sharif und in Jalalabad.

Rund 80.000 Afghanen sind nach Angaben des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) freiwillig und spontan aus den Nachbarländern Iran und Pakistan in ihre Heimat zurückgekehrt. Zugleich halte aber die Fluchtwelle aus dem Süden Afghanistans weiter an, sagte UNHCR-Sprecher Kris Janowski. Als wichtigster Fluchtgrund werde der Mangel an Nahrung und Hilfsgütern genannt. Andere Flüchtlinge hätten sich über "Belästigungen" durch die ethnischen Usbeken in der Nordallianz beschwert. Das UNHCR ermutige die Flüchtlinge nicht generell zur Rückkehr, könne sie aber auch nicht stoppen, sagte Janowski. In einigen Gebieten gehe der Krieg noch weiter.

Radios werden verteilt

Der Kampf ums nackte Überleben hat in Afghanistan inzwischen weitere Todesopfer gefordert. Allein im Mischlak-Camp bei Herat seien zum Jahreswechsel 28 Personen wahrscheinlich an Erschöpfung und Auszehrung gestorben, sagte der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Jean-Philippe Chauzy. IOM verteilt derzeit in Afghanistan 30.000 Radioempfänger in Krankenhäusern, Schulen und Flüchtlingscamps, um die Information der afghanischen Bevölkerung zu verbessern. Bei der Verteilung von Hilfsgütern in Mazar-i-Sharif hätten sich zuerst alle in der Reihe für Radios angestellt, sagte Waly Jalyar. "Es war verblüffend, wie sie aufgeregt nach Radiosendern gesucht haben, bei denen sie die letzten Meldungen hören konnten."

Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO setzen in Afghanistan die Impfkampagne gegen Masern fort. Insgesamt sollten neun Millionen Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren in den kommenden drei Monaten geimpft werden, sagte WHO-Sprecher Gregory Hartl. Bei tödlich verlaufenden Kinderkrankheiten rangieren Masern in Afghanistan an erster Stelle. In vier von zehn Fällen sind Masern der Grund für die Kindersterblichkeit.(APA/dpa)

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