Erlösung für Körper und Seele - die russische Sauna

6. Februar 2002, 11:33
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Das Stöhnen von zwei Dutzend nackten Männern, die in dichten Dampfschwaden mit Birkenzweigen gepeitscht werden, hört sich nicht unbedingt nach Entspannung und innerer Ruhe an.

Die lange Tradition der russischen Banja, wie dieses Dampfbad genannt wird, birgt teilweise das Wesen der unergründlichen russischen Seele in sich - und das Geheimnis körperlichen Wohlgefühls.

Dampfschwaden und Bündel aus Birken- oder Eichenzweigen

Tagein, tagaus ziehen sich landesweit Hunderttausende von Männern und Frauen, egal ob arm oder reich, von den Problemen des Alltags in die Dampfwirbel der Banjas zurück. Dabei haben sie die Wahl - von den üppigen Banjas in Moskau mit ihren imposanten Marmorsäulen bis zu kleinen, ärmlichen Holzhütten auf dem Land. "Die Zivilisation ist weit entfernt in diesen kleinen Banjas, wenn die Birkenzweige pfeifen, wenn der Dampf quillt - es ist ein reines Lied der Freude", meint der Moskauer Büromanager Alexander, der oft die 400 Kilometer Fahrtstrecke zu seiner Datscha auf sich nimmt.

Zentrale Anlaufstelle in Moskau sind die "Astrachanskije Banji". In die Bäder für Männer und Frauen - stets streng getrennt - tritt man nach Entrichtung der Eintrittsgebühr von 120 Rubel (4,46 Euro/61,4 S), um dort neben Dampfbad und Eintauchen in eisige Schwimmbäder auch das private Gespräch mit Anderen oder Momente der inneren Einkehr zu genießen - alles Teil des Rituals.

Parilka - Tradition und Ritual

Der Bub geht mit einem Lachen an der Hand seines Vaters in die "Parilka" (Dampfraum). "Ich bringe meinem Sohn das Dampfbad genau so bei, wie es mein Vater mit mir getan hat", sagt sein Vater. "Und mein Vater hat durch die Banja eine eiserne Konstitution bekommen."

Die Dampfräume werden stündlich gereinigt und gelüftet, ehe frischer Dampf durch ein Gemisch aus Wasser und aromatischen Ölen - aus Eukalyptus, Minze oder Pinien - auf den Öfen erzeugt wird. Und während der neue Dampf aufquillt, verstummt das Gespräch im Raum. Die nackten Männer beugen ehrfürchtig das Haupt, das zum Schutz vor den Temperaturen bis zu 120 Grad mit einer Filzkappe bedeckt ist. Einer verteilt den Dampf mit einem Wedel, ehe sich die übrigen Männer gegenseitig mit den "Weniki", Bündeln aus Birken- oder Eichenzweigen, auspeitschen. Dies fördert unter anderem den Kreislauf und reinigt die Haut.

"... ich bin dann einfach glücklich"

Die Banja-Kultur wird nicht nur von Russen genossen, denn selbst Ausländer werden schnell in ihren Bann gezogen. "Ich gehe gerne, weil die Banja meinen Körper und meine Seele erreicht", erzählt der amerikanische Autor Bryon Macwilliam, der seit vier Jahren überzeugter Banja-Geher ist. "Es ist wie Gymnastik, die mich stärkt, und ich schwitze allen Schmutz aus meinem Körper", meint er. "Und was die Seele betrifft, so sind die Gespräche in der Banja offener, freundlicher und weniger aggressiv - ich bin dann einfach glücklich."
(apa/red)

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