Österreichische Numismatiker arbeiten an einem Münz-Nachschlagewerk der Superlative

7. Jänner 2002, 20:22
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... und gewinnen wie beiläufig neue historische Erkenntnisse über längst vergangene Wirtschaftssysteme

Wien -Numismatisch gesehen befindet sich Europa mit der Euro-Einführung an einem währungsgeschichtlichen Wendepunkt, wie es ihn in diesem Umfang noch nie gegeben hat. Grund genug, ein österreichisches Megaprojekt der Münzkunde zu präsentieren, das in Umfang und wissenschaftlichem Anspruch alle bisherigen Systematisierungsversuche in den Schatten stellt. Dennoch oder gerade deshalb steht für die Forscher in aller Bescheidenheit der Servicecharakter ihres vom Wissenschaftsfonds unterstützten Jahrhundertprojekts im Vordergrund: "Mit dem 'Repertorium zur neuzeitlichen Münzprägung' wollen wir vor allem ein nützliches, gleichsam dienendes Arbeitsinstrument bieten, das die Forschung erleichtert, Anregungen gibt und Wissenslücken füllt", erklärt Projektleiter Bernhard Prokisch von der Universität Wien.

Lebensprojekt

Die Anfänge des umfassenden Nachschlagewerks reichen ins Jahr 1985 zurück. Mittlerweile sind bereits zwei der geplanten 19 Bände publiziert ("Bayerischer Reichskreis", "Südosteuropa"), zwei weitere ("Österreich, Schlesien", "Fränkischer Reichskreis") stehen kurz vor der Veröffentlichung.

Aktuell arbeitet Prokischs Team mit einem weltweit immer weiter verzweigten Netz von Spezialisten an der Münzgeschichte des Fränkischen Reichskreises, dem heutigen Bayern.

Das Besondere am "Repertorium": Es stellt alle wesentlichen Daten zur europäischen Münzprägung vom Ende des Mittelalters bis zur Gegenwart in einheitlicher und systematischer Weise dar. "Besonders wichtig war uns dabei, die münzhistorischen Vernetzungen des europäischen Raums herauszuarbeiten und nachvollziehbar zu machen", erklärt Bernhard Prokisch. "Dabei haben wir uns einerseits auf die Rekonstruktion der Prägeabläufe in den Hunderten europäischen Münzstätten konzentriert, andererseits auf die verschiedenen Arten von Münzsystemen."

Wertvolle Grundlagenforschung, auf deren Basis Rückschlüsse etwa auf das dahinter liegende Wirtschaftssystem erst möglich werden. Unverzichtbar sind diese Daten bei der Bestimmung und Ordnung größerer Münzsammlungen oder bei der Aufnahme von Fundmünzen.

Riesige Datenbasis

Grundsätzlich soll man im "Repertorium" alles finden, was eine Münze definiert. Das ist etwa das Staatswesen, das die Münze ausgibt, der Münzherr oder die Gruppen, die das Münzrecht innehaben, die Münzstätte, das Nominaliensystem und die Datierung. Anschaulich wird das Datenmaterial durch Prägetabellen, Abbildungen, Münzstättenkarten oder auch genealogische Hinweise etwa in Form von Familienstammbäumen.

"Für die Beurteilung der Münzen sind genealogische Verbindungen insofern wichtig, als das Münzrecht ja immer zu den wichtigsten Herrschaftsinstrumenten gezählt hat", erläutert Prokisch.

Darüber hinaus erstellen die Forscher die bislang umfangreichste Bibliographie zum Thema. Damit bietet das "Repertorium" eine Informationsbasis, von der Forscher und Sammler bislang nur träumen konnten, denn die wenigen zusammenfassenden Nachschlagewerke stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind allesamt hoffnungslos veraltet.

Was das Geld außer seiner Kaufkraft für den Numismatiker so faszinierend macht? Für Prokisch ist es vor allem die unglaubliche Beweglichkeit und Internationalität: "Geld ist ein regionales Produkt, das riesige Strecken überwinden kann! So fand vor einigen Jahren ein oberösterreichischer Bauer auf seinem Feld Goldmünzen aus Südamerika. In Indien tauchen immer wieder römische Münzen auf, in Skandinavien entdeckte man Regensburger Denare . . ."

Und manchmal ist es auch die Schönheit vor allem alten Geldes, die den Wissenschafter zum Schwärmen bringt: "Manche Münzen sind Kleinkunstwerke höchster Vollendung! Etwa einige Münzprägungen aus der italienischen Frührenaissance oder das Silbergeld der alten Griechen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 1. 2002)

Von STANDARD-Mitarbeiterin Doris Griesser
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