Familien abseits der Norm

7. Jänner 2002, 20:18
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Neue Formen können gelingen, zeigen Kulturwissenschafter

Jede zweite Ehe in der Großstadt wird laut Statistik wieder geschieden - viele davon mit Kindern. Und wie viele Kinder die Trennung ihrer unverheirateten Eltern erleben, ist unbekannt.

Wie aber leben Familien nach Trennung und Scheidung weiter? Dieser Frage ging ein Forscherteam in einem zweijährigen Projekt unter dem Titel "Beziehungskulturen außerhalb der Norm" nach, das zum Forschungsschwerpunkt Kulturwissenschaften des Bildungsministeriums zählt.

Anhand von über 40 narrativen Tiefeninterviews wurden dabei Aussagen über die Eigenart von Beziehungskulturen so genannter Stief- und Ein-Eltern-Familien gesammelt und qualitativ analysiert. Das Ergebnis: "Es gibt durchaus gelingende Fälle - man muss sie nur suchen", so Projektleiter Reinhard Sieder vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.

Bisher Defizit-Sicht

Bisherige Studien auf diesem Gebiet seien immer von einem Defizitmodell ausgegangen, weiß Sieder: "Die Forscher begannen ihre Arbeit schon in der Gewissheit, ein Stiefkind, Kind oder ein Elternteil in einer Stief- oder Ein-Eltern-Familie zu sein sei schwierig, traumatisch oder gar pathogen."

Das Projektteam sei deshalb diesmal bewusst offen gegenüber den Leistungen und Konflikten gewesen, die ihm beim Rekonstruieren von zehn ganz verschiedenen Beziehungskulturen begegneten.

Da nach einer Scheidung oder Trennung meistens die Mütter mit den Kindern leben, sind die meisten "Fortsetzungsfamilien" mit neuem Partner Stiefvater-Familien. Finden beide getrennten Elternteile wieder neue Partner und gründen mit ihnen einen gemeinsamen Haushalt, dann entsteht ein binukleares Familienystem - mit wieder ganz neuen Beziehungsqualitäten.

Ob das Zusammenleben in der neuen Beziehungskultur funktioniert, hängt aber nicht vom Familientyp selbst ab, sagt Sieder: "Es gelingt umso eher, je weniger starr sich neue Partner an konventionellen Familienmustern orientieren und je flexibler und verantwortungsvoller sie sind."

In Familien, wo die neuen Beziehungsformen gut funktionieren, hätten auch die Kinder wesentliche Vorteile, so Sieder: "Sie lernen mehr Mann- und Frau-Modelle kennen und leben in einer Pluralität von Beziehungen und Menschen, was zum Beispiel auch ihre soziale Kompetenz erhöhen kann." Eine Trennung müsse also für ein Kind nicht automatisch schlimm sein: "Das hängt ganz vom Verhalten der Erwachsenen ab."

Krisen bei Unklarheit

Probleme hätten sich zum Beispiel dort gezeigt, wo die konfliktartige Situation der Partner nach einer Trennung oder Scheidung über die Kinder weitergeführt wird, oder wo die Rolle des neuen Partners nicht klar definiert ist und dadurch eine Instabilität oder Intransparenz im Familiensystem entsteht: "Männer etwa wissen oft nicht, was sie den nicht leiblichen Kindern gegenüber eigentlich dürfen und welchen Status sie haben: Sind sie Freunde, Väter oder väterliche Freunde?" Kümmert sich auch der leibliche Vater noch um die Kinder, kann es außerdem zu Konkurrenz kommen.

Patriarchen analysiert

Mit der Rolle der Männer in Familien nach Trennung und Scheidung hat sich Sieder im Zuge des Projekts auch in der Studie "Von Patriarchen und anderen Vätern" mit ausführlicher Fallanalyse befasst. Nachzulesen im Bericht über das Gesamtprojekt, der im März erscheinen soll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 1. 2002)

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