Der lange Schatten von Britisch-Indien

7. Jänner 2002, 20:27
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Der Streit um Kaschmir spiegelt das Problem der indischen Teilung von 1947 wider

Neu-Delhi/Islamabad/Wien - Das Kaschmirproblem ist eine britische Erfindung. So betrachtet, könnte Regierungschef Tony Blair bei seiner derzeitigen Befriedungsmission einiges von dem gutmachen, was die britischen Kolonialherren in vier Jahrhunderten an geopolitischen Verirrungen auf dem indischen Subkontinent angerichtet haben.

Vor Indiens und Pakistans Unabhängigkeit 1947 beherrschten indische Fürsten etwa zwei Fünftel des riesigen Empire-Gebiets, den Rest ließ die britische Krone direkt durch einen Vizekönig regieren. Daneben hatte sich auch Frankreich noch Landesteile gesichert, die erst später, in den Fünfzigerjahren, zur Indischen Union kamen. Das Tal von Kaschmir verkaufte die britische Ostindienkompanie 1846 an einen dieser Fürsten, den Hindu-Radscha von Jammu, der seinem Reich im Folgenden weitere Gebiete einverleibte und die muslimische Bevölkerung unterdrückte.

Als sich der indische Subkontinent von Großbritannien löste und in Pakistan und Indien teilte, blieb Kaschmir zunächst unabhängig. Pakistan unterstützte einen Volksaufstand der Muslime, der Radscha rief indische Truppen zu Hilfe und trat mit seinem Reich Indien vorläufig bei. 1948 kam es zum Krieg, den ersten von dreien zwischen Indien und Pakistan: 1965 griff Islamabad den indischen Teil Kaschmirs an, 1971 stießen die Truppen beider Länder in Ostpakistan aufeinander, dessen Abspaltung Indien unterstützte - der unabhängige Staat Bangladesh entstand.

Der Streit um die Himalayaregion Kaschmir - mit insgesamt 222.000 Quadratkilometer Fläche etwa zweieinhalbmal so groß wie Österreich - spiegelt zugleich das zentrale Problem von Indiens Teilung wider: der Trennung von Britisch-Indien nach konfessionellen Gesichtspunkten in einen mehrheitlich muslimischen Teil - West- und Ostpakistan - und einen von Hindus dominierten indischen Teil. Die britischen Kolonialherren hatten sich die Gegensätze zwischen Hindus und Muslimen stets zunutze gemacht, dann aber die Teilung ihres Reichs 1947 nicht mehr aufhalten können. Nur im Kaschmir ist dieser politisch-religiöse Machtstreit noch nicht entschieden.

Indien kontrolliert 45 Prozent des umstrittenen Territoriums, Pakistan 33 Prozent und China den Rest. Neu-Delhi betrachtet seine Hälfte als festen Bestandteil Indiens. Islamabad pocht auf Erfüllung verschiedener UN-Resolutionen. So hatte der UN-Sicherheitsrat im April 1948 in seiner Resolution 47 ein Referendum über Kaschmir in Aussicht gestellt mit der Einsetzung eines Referendumsverwalters. Die Kaschmiris sollten selbst über ihr Schicksal entscheiden. Das aber lehnt Indien strikt ab: Die überwiegend muslimische Bevölkerung könnte für einen Anschluss an Pakistan stimmen, zu sehr ist Indien verhasst. Die dritte Option, ein unabhängiges Kaschmir, lehnen Indien wie Pakistan ab. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 1. 2002)

Von Markus Bernath
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