Israel: Logik des Kriegszustandes - Josef Kirchengast

7. Jänner 2002, 19:39
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Zunächst ist nüchtern festzuhalten: Zwischen Israel und den Palästinensern herrscht de facto Kriegszustand. Ebenso nüchtern ist zu konstatieren, dass jeder Versuch, die Hauptschuld daran der einen oder der anderen Seite zuzuweisen, Teil des Problems und nicht Teil einer Lösung ist.

In dieses Muster passt die offizielle israelische Entrüstung über das abgefangene Waffenschiff, dessen Ladung allen Indizien zufolge von der palästinensischen Führung bestellt war. Geradezu spiegelgleich dazu die Reaktion der Palästinenserspitze, die sich selbst dumm und Israel einen Propagandacoup unterstellt. Wobei die Tatsache, dass den Israelis dieser Erfolg gerade jetzt auf dem Präsentierteller geliefert wurde, das ganze Ausmaß an Irrationalität zeigt, das der Konflikt erreicht hat.

Und zwar in jeder denkbaren Erklärungsvariante für die Waffenlieferung: Sollte Arafat glauben, gegen Israel militärisch etwas ausrichten zu können, dann leidet er ebenso unter progressivem Realitätsverlust wie für den Fall, dass er einen neuen israelisch-arabischen Großkrieg provozieren will.

Was die Waffenaffäre aber erneut klarmacht und was der Oppositionsführer im israelischen Parlament, Yossi Sarid, soeben festgestellt hat: Die Politik der Gewalt gegenüber den Palästinensern ist gescheitert. Weil sie immer neue Gewalt provoziert (was keine Rechtfertigung des Terrors, sondern eine Tatsachenfeststellung ist) und den Israelis also keine Sicherheit bringt.

Sarid schlägt einen historischen Kompromiss vor: Rückzug Israels auf die Grenzen von vor 1967 und Auflösung der jüdischen Siedlungen; im Gegenzug Verzicht der Palästinenser auf das Rückkehrrecht für die Flüchtlinge; und die Teilung Jerusalems. Bestechend vernünftig. Für die gegenwärtigen Hauptakteure auf beiden Seiten nur leider zu vernünftig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 8.1.2002)

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