Deutschland: Beschädigte Kandidaten - von Alexandra Föderl-Schmid

7. Jänner 2002, 19:38
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Seit Monaten dreht sich bei der größten deutschen Oppositionspartei, der CDU/CSU, alles um die so genannte K-Frage: wer als Kanzlerkandidat bei der deutschen Bundestagswahl 2002 antritt. Die beiden Anwärter, CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber, haben sich trotz vielfach bekundeter Geschlossenheit nicht auf einen Modus einigen können, wie diese Frage gelöst werden soll. Weder ein Zeitpunkt noch das Gremium, in dem diese Entscheidung gefällt wird, wurde festgelegt. Dies rächt sich: Jetzt ist eine Situation eingetreten, bei der am Ende nur beide verlieren können.

Es würde Stoibers Macherimage schaden, gäbe er gegen Merkel klein bei. Merkel kann nicht einfach dem laut Umfragen aussichtsreicheren Chef der kleineren Schwesterpartei den Vortritt lassen, ohne vor allem in der eigenen Partei Autorität einzubüßen. Mehrere CDU-Ministerpräsidenten, die für Stoiber eintreten, wollen damit Merkel schwächen und ihre eigenen Chancen in der Partei und bei der Wahl 2006 wahren.

Merkel und Stoiber schieben jetzt einander noch den schwarzen Peter zu, wer als Erster die gemeinsame Basis verließ, indem er seinen Anspruch auf die Kandidatur öffentlich verkündet hat. Das Gerangel um die Kanzlerkandidatur entwickelt sich immer mehr zu einem offenen Machtkampf, der auch nach getroffener Entscheidung in der K-Frage Auswirkungen auf die Machtbalance innerhalb der Union haben wird.

Die derzeitige Situation der beiden Schwesterparteien erinnert an zwei Züge, die mit Volldampf aufeinander zufahren. Es besteht die Gefahr, dass es zu einem Totalschaden kommt. Denn verloren hat durch dieses unwürdige Gezerre die Union insgesamt. Dadurch hat sich in der Öffentlichkeit der Eindruck nach dem Spendenskandal verfestigt: Die Oppositionspolitiker sind mit sich selbst beschäftigt und streiten untereinander, statt sich mit der Regierung politisch auseinander zu setzen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 8.1.2002)

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