Humpellauf der Welt

8. Jänner 2002, 17:50
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"Dolly" hat Arthritis - Gott sei Dank - aber nicht alles, was hinkt, ist auch schon ein Klon

von Ronald Pohl


Gewiss: Nicht alles, was hinkt, ist auch schon ein Klon. Von der "Gottesebenbildlichkeit" des Menschen, die erst jüngst der Philosoph Jürgen Habermas geltend gemacht hat, ist es wohl ein weiter Weg zur Selbstähnlichkeit des gemeinen Hausschafes.

Man müsste vielleicht mit Platon nach der "Idee" des Schafes fragen, um die Defekte seiner Klon-Schwester mit passender Emphase zu würdigen. Von der armen Dolly, dem flauschigen Vorzeigeprodukt der Firma PPL Therapeutics, weiß man ganz zweifelsfrei, dass es bereits im Schatten seiner jungen Flauschwollblüte von rätselhaften Altersbeschwerden geplagt wird.

Dollys rechter Hinterlauf knickt gottserbärmlich ein, obwohl das Tier doch erst im fünften Jahr seiner irdischen Geworfenheit steht.

Besonders findige Diagnostiker sind denn auch auf dem Verdachtswege zu einem niederschmetternden Befund gelangt: Die Zelle, welche zu Dollys heutiger, zu Recht als kläglich empfundener Erscheinung führte, war einem sechs Jahre alten Tier entnommen worden. Nun steht die Vermutung im Raum, dass man die sechs vorangegangenen Jahre mit Dollys Lebensalter verrechnen muss. Dann aber wäre Dolly schon als zarter Keimling eine überreife Dame gewesen. Mit der These, der Klon-Ingenieur sei der wahre Schöpfer am Jungbrunnen, ist es nicht mehr weit her.
Schon Dollys prominente Ahnen trugen schwer an ihrer jeweiligen Schöpfungsbürde. Der Golem zum Beispiel wurde von dem Prager Rabbi Löw ganz tellurisch aus Lehm geformt.

Im Mund hatte das ungeschlachte Wesen einen Zettel stecken, auf dem die göttliche Betriebsanweisung in hebräischen Buchstaben aufgeschrieben stand. Es ist der in den zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten der hebräischen Lettern verborgen gehaltene Name Gottes, der dem Golem den Anschein verbürgt, dass er lebe. Solche Golems müssen als Greisenkinder gelten: Sie halten schon kraft ihrer "Betriebsanleitung" den Kontakt zur vorzeitlichen Schöpfung.

Nachschöpfungen

Nicht viel anders verhält es sich mit dem Homunculus des Paracelsus. Noch in seiner bekanntesten Gestalt, die Goethe in "Faust II" gerade auf Eprouvettengröße brachte, wird dem armen Wesen ganz ozeanisch zumute. Paracelsus gewann übrigens den Keim zum Homunculus aus der reinigenden Läuterung von menschlichem Samen und Menstruationsblut.

Die nachschaffende Lektüre im Buch der Schöpfung zeitigt allem Anschein nach biologische Betriebsdefekte, die einen vor dem Horizont des menschenmöglich Machbaren zwar nicht schadenfreudig, aber doch hoffnungsfroh stimmen können. Offenbar gehört die Pose der Verweigerung zu den Geschöpfen zweiter Ordnung dazu. Sie verweigern die störungsfreie Inbetriebnahme und unterlaufen mit hinkendem Fuß noch die ehrgeizigste Montageanleitung.

Vielleicht wäre hierbei auch der Appell an die Bedingungen der Menschwerdung angebracht: Ehe sich die Wissenschaft bei der Genom-Entzifferung im Kleingedruckten verliest, sei an die grundlegende Sozialität des Menschen erinnert. Die allseitige Entwicklung seiner sozialen Fähigkeiten steht noch immer für das ehrgeizige Projekt, seine Aufzucht zu gewährleisten, seine Unmündigkeit zu beenden, seine Gewaltpotenziale einzuhegen. Ansonsten wird einer dem anderen zum Wolf.

Gar nicht auszudenken, wie Dolly einem Wolf geschmeckt hätte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.01. 2002)

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