US-Tochter ist insolvent

7. Jänner 2002, 19:14
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Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt - Wertberichtigungen werden Konzern 2001 erhebliche Verluste bescheren

Wien - Der börsennotierte Feuerfestkonzern RHI, der sich in den USA mit einer Flut von Asbestklagen konfrontiert sieht, hat für seine US-Tochter North American Refractories Company (Narco) Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Nach Bekanntwerden dieses Schritts stürzte der Kurs der RHI-Aktie am Montag um bis zu 50 Prozent ab.

"Wir wollen einen Schlussstrich unter das Thema Asbest ziehen", sagte RHI-Finanzvorstand Eduard Zehetner dem STANDARD. Narco wird in Folge der Einleitung des Chapter-11-Verfahrens rückwirkend zum 31. Dezember 2001 aus der RHI-Bilanz genommen.

Ergebnis erheblich beeinträchtigt

Das Konzernergebnis 2001 werde durch das Geschehen in den USA "erheblich beeinträchtigt", sagte Zehetner. Die Verlusthöhe werde derzeit von Wirtschaftsprüfern errechnet. Noch im Jahr 2000 konnte RHI bei einem Gesamtumsatz von 2,19 Mrd. Euro (30,1 Mrd. S) das Betriebsergebnis (Ebit) auf 131,3 Mio. Euro mehr als verdoppeln.

Neben den Asbestklagen hat RHI in den USA auch die schlimme Stahlkonjunktur zu verdauen. Das Unternehmen ist auf die Herstellung feuerfester Materialien spezialisiert, die unter anderem zur Auskleidung von Stahlschmelzöfen verwendet werden. Wegen des Konjunktureinbruchs schraubten die Stahlfirmen ihre Bestellungen radikal zurück.

Höhere Forderungen

Die US-Tochter Narco, die mit 800 Mitarbeitern in vier Werken zuletzt rund 145 Mio. Euro umgesetzt hat, soll nach der Sanierung in reduziertem Umfang weitergeführt werden. Narco war 1986 von der nun zum Honeywell-Konzern gehörenden Allied Signal an die deutsche Didier verkauft worden, die 1994 in der RHI aufging. Allied Signal habe da- mals sämtliche Asbesthaftungen gegen eine jährliche Zahlung von 3,5 Mio. Dollar übernommen, sagte Zehetner. Als Allied Signal wegen stark gestiegener Asbest-Ansprüche eine jährliche Entschädigung von 20 Mio. Dollar haben wollte, habe man abgelehnt. "Wir hätten frisches Geld von der Zentrale zuschießen müssen", sagte Zehetner. Deshalb habe man sich mit Allied Signal geeinigt, das Unternehmen unter Gläubigerschutz zu stellen.

Analysten sind überrascht, dass nun auch Narco mit Asbest-Klagen konfrontiert ist. Bisher war immer nur der zweite große Block um Harbison Walker, einer weiteren US-Tochter von RHI, als Unsicherheitsfaktor genannt worden. Mit Narco auf der Chapter-11-Liste ziehe sich RHI de facto aus einem Teil des US-Geschäftes zurück.

Dass Allied Signal von Narco 20 Mio. Dollar als Enschädigung verlangte, sei für die RHI-Tochter nicht verkraftbar gewesen, sagen Analysten. Alfred Steininger von der RZB meint, nun sei auch ein Rückzug aus Harbison Walker nicht mehr auszuschließen. Das würde bedeuten: Der US-Markt würde nur noch über Exporte betreut, das Marktpotenzial sei folglich nicht mehr voll ausschöpfbar.

Tiefrote Bilanz

Brigitte Kellerer-Wendelin von der Erste Bank sieht für 2001 eine tiefrote Bilanz: Sie ging Mitte November von einem Minus von 95 Mio. Euro aus. Der Abgang werde möglicherweise noch höher ausfallen. Steininger von der RZB schätzt die Restrukturierungs- kosten auf 55 Mio. Euro.

Der Kurs der RHI-Aktie erreichte an der Wiener Börse zeitweise ein Allzeittief. Zu Sitzungsende war das RHI-Papier mit 4,60 Euro noch um 30,72 Prozent im Minus. (este, stro, DER STANDARD, Printausgabe 8.1.2002)

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