"Offizieller Tod der Röhre"

8. Jänner 2002, 18:45
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Der neue iMac: Mit radikalem Design versucht Apple seine Rolle als Innovator im Computermarkt auszubauen

San Francisco - Es ist das alljährliche Hochamt einer treu ergebenen Fangemeinde. Bei der Macworld in San Francisco versammeln sich wie immer zu Jahresbeginn Tausende, um ihrem Hohepriester im traditionellen Rollkragenpulli, abgetragener Jeans und eine Flasche stillen Mineralwassers in der Hand beizuwohnen, wenn er im Scheinwerferlicht auf der Bühne die Wandlung zelebriert: Die Wandlung einer ansonsten nüchternen Technologie zum zentralen Elixier des "digitalen Lebensstils".

Und Steve Jobs, der wie immer mit den Worten "Wir haben heute ein paar großartige Dinge anzukündigen, also lasst uns gleich anfangen" loslegte, enttäuschte auch heuer nicht. Der Höhepunkt folgte wie meist zum Ende der zweistündigen Zeremonie, als ein Podest aus dem Bühnenboden hochfuhr und zu Applaus und Jubelrufen aus dem Publikum den lange erwarteten neuen iMac, Apples Flaggschiff, präsentierte.

Das Gerät, das aus einem flachen, schwenkbaren 15-Zoll-LCD-Schirm auf einem PC in einer Halbkugel besteht, folgt der "All-in-one"-Philosophie des Original-iMacs. Ausgestattet mit dem leistungsfähigen G4-Prozessor, soll es die "digitale Drehscheibe" (Hub) im Haushalt werden, die sämtliche anderen digitalen Accessoires des modernen Lebens zusammenführt: Organizer für Kontakte und Termine unterwegs, digitale Videokamera und Fotoapparat sowie ein mobiles MP3-Musikgerät, das Apple im November unter der Bezeichnung iPod auf den Markt brachte. Jeder iMac enthält ein Laufwerk, das auch zum CD-Brennen tauglich ist; das Spitzengerät der Serie erlaubt es, selbst DVDs mit Videos oder digitalen Fotos herzustellen.

Qualität und Preis

Mit einem Preis ab 1920 EURO (26.400 S) ist der neue iMac preiswert und teuer zugleich: Preiswert im Vergleich zu vergleichbaren PCs mit Flachbildschirmen, teuer im Vergleich zu Einsteiger-PCs mit Röhre. "Das ist der offizielle Tod der Kathodenröhre", verkündete Jobs. Apple wählt offensichtlich die Strategie, einer sich ständig nach unten drehenden Preisspirale mit höherwertigen Geräten entkommen zu wollen, die sich mit exzellenter technischer Ausstattung und elegantem Design vom PC als reinem Gebrauchsgegenstand abheben wollen. Allerdings bleibt, als eine Art Versicherungspolizze gegen billigere PC-Konkurrenten mit Röhrenschirmen, die erste iMac-Generation um 1200 EURO im Angebot.

Sechs Millionen Stück seien vom ersten iMac verkauft worden, erklärte Jobs bei der Präsentation der neuen Generation, die in zweijähriger Entwicklungsarbeit entstand. Als wesentlicher Bestandteil der Apple-Verkaufsstrategie etablieren sich in den USA die seit vergangenem Jahr eröffneten inzwischen 27 Apple-Stores. In einer Welt, die mit Ausnahme des US-Bildungsmarkts von Windows dominiert ist, wird es für Apple immer wichtiger, dass die Vorzüge seiner Technologie angreifbar demonstriert werden. Alleine im Dezember habe man 800.000 Besucher verzeichnet, 40 Prozent aller Käufer hätten bisher keinen Mac benutzt. Im heurigen Jahr sollen die Stores profitabel werden; ein Drittel seiner Verkäufe wickelt Apple inzwischen online ab.

iPhoto

Zu den vorgestellten neuen Produkten gehört auch, neben einem iBook mit 14-Zoll-Schirm (das bisherige iBook hat einen 12-Zoll-Schirm), das letzte Glied der "Digital Hub"-Strategie: iPhoto, ein Gratisprogramm, um die mit Digitalkameras aufgenommenen Fotos leicht speichern, bearbeiten und mit anderen teilen zu können. In diese "digitale Schuhschachtel" ist ein nahtloser Übergang zu Fotodiensten von Kodak enthalten, sodass Ausdrucke bis hin zu gedruckten Fotoalben mühelos online bestellt werden können.

iPhoto ergänzt die im Laufe des vergangenen Jahres eingeführten anderen Gratisprogramme, mit denen digitale Geräte mit dem Mac zusammenarbeiten: iMovie für Videoschnitt, iTunes zur Verwaltung einer Musiksammlung, die dann auf dem zigarettenschachtelgroßen iPod (MP3-Player) mitgenommen werden kann, und iDVD zur Heimproduktion von DVDs. Mit iPod hat Apple einen offensichtlich relativ erfolgreichen Schritt in Richtung digitales Zubehör gesetzt: Seit Markteinführung am 10. November des Vorjahres seien 125.000 Stück verkauft worden, sagte Jobs. Logisch wäre auf Basis von iPhoto ein iPod-ähnliches Gerät als Fotoalbum für unterwegs oder für Diashows am Fernseher. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe 9.1.2002)

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