Der Gorilla und der Putztrupp

14. Jänner 2002, 16:52
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Die wöchentliche Kolumne im Panorama - diesmal über das lange Warten auf einen polizeilichen Putztrupp...

Neulich ist mir Sch. über den Weg gelaufen. Zufällig. Sch. konnte nur eine Frage haben: Was wurde aus unserem Gorilla. Denn Sch. und ich haben vor sechs Jahren einen Man gefunden, der damals schon seit sieben Jahren darauf wartete, dass die Polizei seine Wohnung aufräumen kommt.

Weil B., der Mann, nämlich kein Gorilla ist. Das hat er immer wieder versichert - und es war nicht einfach, zwischen Kein-Affe-Beteuerungen des etwa jockeygroßen Männleins und der trotzigen Forderung nach dem Polizeiputztrupp eine Verbindung herauszufiltern.

B. war Taxifahrer. Einer der ersten mit Flüssiggastank. Zum Tanken fuhr B. in die Gegend des Freudenauer Hafens. Dort habe ihn die Polizei “überfallen”. Man suchte einen Bankräuber mit Gorillamaske, als B. mit seinem Taxi daherkam. B. erzählte uns die alte Geschichte sieben Jahre später (und für einen deutschen Privatsender) wirklich großartig: Er verprügelte sich in den Praterauen vor laufender Kamera selbst. “Kannst das noch einmal machen?” jappste der Kameramann - und B. hätte sich wirklich beinahe auch das zweite Auge blau geschlagen.

B. war unschuldig. Nach ein paar Tagen U-Haft schickte man ihn nach Hause. Dort konnte B. aber nicht mehr leben: Bei der Durchsuchung der Wohnung war das Mobiliar zerstört worden. Und weil er als Kind gelernt habe, dass man das was man in Unordnung brächte, auch wieder wegräumen müsse, solle die Polizei einen Putztrupp schicken, forderte B.. Jahrelang.

Schutt und Fetzen

Die Wohnung war - sieben Jahre nach dem Vorfall - ein Trümmerfeld. B. hatte zwischen Regalen gewohnt. Aus Ziegelsteinen und hölzernen Obstkisten: Zwei Steine, ein Brett. Zwei Steine, ein Brett. Sieben Jahre nach der Gorilla-Aktion lag immer noch ein Berg aus zerbrochenen Ziegeln, Brettern, zerfetzten Pornoheften und staubigen Fetzen in der Favoritner Gemeindewohnung. Es stank: B. s Küche war im Zentrum des Haufens begraben. Deshalb, so B., habe die Gemeinde ihm eine Räumungsklage zustellen lassen: Die Nachbarn waren ob der Gerüche erbost - und B. selbst benutze die Wohnung aus ebendiesem Grund auch nicht.

B. hat die Polizei verklagt. Ein Jahr nachdem sie bei ihm “gesucht” hatte. Das Verfahren war noch nicht abgeschlossen. Darum, sagte B., könne er nicht aufräumen. Wegen der Beweise. Darum, sagte die Polizei, sage sie nichts dazu. Wegen des laufenden Verfahrens.

B. wohnte in seinem Auto. Duschte bei einer Bekannten. Die war weit über achtzig. B. war einsam, suchte eine Frau. Sch. erzählte, er habe B. vor längerer in Toni Spiras Zurschaustellsendung einsamer Menschen nach einem Partner singen gesehen. Wir suchten seinen Wagen: Er war nicht mehr da. Auch die Bekannte gab es nicht mehr. Die Gemeindewohnung war leer. So weit sich der Hausmeister erinnern konnte, waren es keine Polizisten gewesen, die sie geräumt und gesäubert hatten.

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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/ Panorama
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