Gefährliche Gerüche

7. Jänner 2002, 12:16
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In vielen Wohnungen, aber auch in neuen Autos ist die Atemluft mit Giftstoffen kontaminiert. Welche Gesundheitsgefahren davon ausgehen, erklärt der Wiener Umweltmediziner Dr. Karl Heinz Stradal im Interview mit mymed.cc.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Dr. Stradal, australische Forscher haben im Rahmen einer aktuellen Studie festgestellt, dass die Luft im Passagierraum von neuen Autos mit gefährlichen Lösungsmitteldämpfen kontaminiert ist. Wie stark kann die Gesundheit davon gefährdet werden?

Stradal: Im Inneren eines Autos haben die Lösungsmitteldämpfe wahrscheinlich nur einen geringen Anteil am Giftcocktail in der Atemluft. Zumindest ebenso problematisch sind da die Benzoldämpfe aus den Kraftstoffen, sowie die Rußpartikel aus den Diesel-Abgasen. Gerade die Rußpartikel machen uns Umweltmedizinern die größten Sorgen, da sie - ähnlich wie Asbestfasern - sehr tief in die Lunge eindringen und nicht vom Sekretstrom abtransportiert werden. Die dadurch entstehenden Partikel-Depots stellen einen eindeutigen Krebs-Risikofaktor dar.

Mymed: Welche unmittelbaren Auswirkungen kann die schlechte Luft im Wageninneren auf Fahrer und Passagiere haben?

Stradal: Sowohl die Benzoldämpfe als auch das Kohlenmonoxid und die flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffe senken die sogenannte Sauerstoff-Spannung im Blut. Das kann unspezifische Symptome wie Konzentrationsmängel oder Sehleistungsstörungen zur Folge haben. Messungen haben gezeigt, dass unter dem Einfluss flüchtiger organischer Kohlenwasserstoffe die Flimmerfrequenz des Auges abnimmt. Das ist ein ähnlicher Effekt, wie wenn man einen zu langsam abgespielten Film betrachtet. Die vom Fahrer geforderte Aufmerksamkeit kann dadurch sicher beeinträchtigt werden.

Mymed: Ab welchen Grenzwerten besteht eine Gesundheitsgefährdung?

Stradal: Dazu ist zu sagen, dass die schlechte Luft in Wohnungen immer noch das weit größere Problem darstellt als die Luft im Inneren von Autos. Einfach deshalb, weil wir in Innenräumen wesentlich mehr Zeit verbringen. Die Atemluft in Wohnungen ist sehr oft mit flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen, den sogenannten VOCs belastet, die aus Klebern, Kunststoffbelägen oder Faserholzplatten ausdampfen. Aus medizinischer Erfahrung wünschen wir uns einen Grenzwert für VOCs von 0,2 bis 0,3 Milligramm pro Kubikmeter Raumluft. Bei dieser Konzentration sind gesundheitliche Risiken so gut wie auszuschließen. Leider werden diese Werte in der Realität häufig um das Zig-Fache überschritten. Bis zu Werten von 3 mg/Kubikmeter ist noch nicht mit groben Störungen zu rechnen, trotzdem können bereits Konzentrationsstörungen und Spannungskopfschmerzen auftreten.

Mymed: Welche Beschwerden treten auf, wenn die Grenzwerte noch stärker überschritten werden?

Stradal: Auf Dauer kann es zu Hirnleistungsstörungen wie eingeschränkter Merkfähigkeit und chronischen Kopfschmerzen kommen. Einen Anteil daran hat auch die psychische Belastung, die durch einen dauernden störenden Geruch entsteht, auch wenn dieser gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. In seltenen Fällen kommt es zu einer sogenannten "Multiplen Chemischen Sensitivität" (MCS), bei der die Beschwerden auch dann ausgelöst werden, wenn der Betroffene mit verschiedenen anderen chemischen Auslösern in Berührung kommt.

Mymed: Wie aufwändig ist die Messung der Schadstoffbelastung der Atemluft?

Stradal: Es gibt heute leider noch kein Gerät, das wirklich alle Einzelschadstoffe erfassen kann. Wir analysieren Luftproben also auf begründeten Verdacht hin mit Hilfe der Gaschromatographie, die ein recht aufwendiges Verfahren ist. So ist für eine Messung der Atemluft im Inneren eines Autos mit etwa 20.000 Schilling zu rechnen - für den Privaten eine eher kostspielige Angelegenheit.

Mymed: Herr Dr. Stradal, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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