Gret Palucca: "Ich will nicht hübsch und lieblich tanzen"

26. März 2002, 13:23
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Zum 100. Geburtstag der deutschen Tänzerin und Choreografin

"Ich beginne. Ich stehe im Saal und höre eine Musik, mehrere Musiken. Ich habe nicht die Absicht, dieses oder jenes zu tun. Ich bewege mich wie von selbst. Dann gibt es einen Punkt, wo der Körper auf einen Rhythmus, ein Stück Melodie reagiert, im Gleichklang oder im Gegensinn. Eine Musik erweist sich als verwendbar, nicht im Sinne der Ausdeutung, sondern in dem der musikalischen Begleitung eines Eigenen. Es ist durchaus nicht immer eine vorher gehörte Musik, mit der ich mich bereits auseinandergesetzt habe. Der Tanz bleibt dabei primär. Seine innere Form verbindet sich mit der inneren Form der Musik, und die Arbeit am Tanz ist die Durchführung des thematischen Materials im Einklang mit der Musik. So entsteht eine Zwei-Einheit, das, was für mich der neue Tanz ist" schrieb Gret Palucca unter dem Titel "Rhythmus und Melodie" (erschienen in: Frankfurter Neue Presse, Frankfurt/Main, 14.8.1948).

Legende des Ausdruckstanzes

"Ich will nicht hübsch und lieblich tanzen" wusste Margarete Palucca schon in sehr jungen Jahren, als sie folgerichtig ihr Ballettstudium abbrach. Ihr Kindheitswunsch zu tanzen, steigerte sich zur Besessenheit. Autodidaktin war sie als Rollschuhtänzerin, Sportlerin, Akrobatin, was ihre Beweglichkeit und Elastizität förderte.

"Sie ist die einzige Tänzerin, der man ihr Lachen glaubt ... Wenn man sie sieht, sagt man nicht: wie herrlich ist Palucca, sondern: wie herrlich ist das Leben!", begeisterten sich die Stimmen der deutschen Tanzkritik der zwanziger Jahre über Gret Palucca, die neben Mary Wigman, Kurt Jooss und Harald Kreutzberg eine der wenigen überragenden KünstlerInnen des im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstandenen Ausdruckstanzes, der vorwiegend auf Europa beschränkt blieb, war.

"Wildheit" statt Anmutigkeit

Sie versuchte frei von den Konventionen des klassischen Tanzes emotionalen Inhalten eine Bewegungsqualität zuzuweisen, wobei sie nicht mit püppchenhafter Anmutigkeit das Thema eines Ballettes "abtanzen", sondern mit allen Mitteln, die Raum und Bewegung boten, menschliches Erleben ausdrücken und damit das Publikum mitfühlen und mitdenken lassen wollte. Geschichten wurden in ihren Tänzen nicht erzählt, vielmehr sollten Stimmungen durch reinen, schnörkellosen Tanz ausgedrückt werden.

Biografische Daten

Am 8.1.1902 wird Margarete Paluka in München als ältestes Kind von Rosa und Max Paluka und geboren.

1914-1918

erhält sie Ballettunterricht bei dem Solotänzer und Ballettmeister Heinrich Kröller in Dresden und München.

1919-1923

Palucca erlebt am 7. November 1919 den ersten Tanzabend von Mary Wigman in Dresden. Ein Jahr später wird sie deren Schülerin, die Ausdruckstänzerin ihr Idol. 1923 kommt es zum Bruch, weil Palucca in Wigmans Choreografie einen Extrasprung einbaut, der ihr - nebenbei erwähnt - großen Applaus brachte. Ab diesem Zeitpunkt tritt sie als Solotänzerin auf.

1924

Am 1. Januar heiratet sie Fritz Bienert, von dem sie sich 1930 wieder scheiden lässt. Durch dessen Schwester, Ilse Bienert, die Studentin am Bauhaus in Weimar ist, entstehen zahlreiche Kontakte zu KünstlerInnen des Bauhauses Weimar und Dessau. Bereits am 1. Februar hält Palucca ihren ersten Solotanzabend im Vereinshaus Dresden. Dem folgen alljährliche Tourneen mit Solo- und Gruppenprogrammen im In- und Ausland.

1925

wird die Palucca-Schule in Dresden eröffnet, Zweigstellen folgen in Berlin (1928) und in Stuttgart (1931).

1926/1927

Gründung der Palucca-Tanzgruppe. Am 29. April 1927 findet ihr erster Solotanzabend in der Aula des Bauhauses Dessau statt.

1936 - 1944

Unter den Nazis gilt sie anfänglich als "deutscheste" Tänzerin und nimmt 1936 am Eröffnungsabend der Olympischen Spiele in Berlin teil. Mit der Verschärfung der "Judengesetze" erhält sie als Halbjüdin bald Auftrittsverbot. 1939 wird ihre Schule geschlossen, sie bleibt jedoch Mitglied der Fachschaft Kunst in der Reichstheaterkammer und widmet sich mit jährlich neuen Tourneeprogrammen ausschließlich ihrer Tanztätigkeit.

1945 - 1949

Beim Bombenangriff am 13./14. Februar 1945 auf Dresden verliert Palucca ihre Wohn- und Arbeitsräume und ihren gesamten Besitz; erhalten bleiben nur zwei ausgelagerte Kisten mit Schulunterlagen, Fotos, Kritiken und Programmzetteln. Im Juni startet sie einen Neubeginn ihrer Unterrichtstätigkeit und einen Monat später wird die Palucca-Schule in der Karcher Allee in Dresden neueröffnet, die 1949 verstaatlicht wird. Nach dem Krieg lebt die Tänzerin zwanzig Jahre mit einer Kinderärztin zusammen.

1950 - 1954

1950 ist sie Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste, der sie als Vizepräsidentin von 1965 bis 1970 vorsteht. Am 3. Januar 1951 erfolgt ihr letzter Soloauftritt zum 75. Geburtstag von Wilhelm Pieck in Berlin. Neben dem Unterricht für Neuen Künstlerischen Tanz wird an der Palucca Schule im September der Unterricht im Fach Klassischer Tanz eingeführt. 1952 wird am Basteiplatz in Dresden mit dem Neubau eines Gebäudes für die Palucca Schule begonnen. 1953 unterbricht Palucca ihre Lehrtätigkeit aufgrund von Eingriffen der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten in die Gestaltung der Lehrpläne, bis der Kulturminister der DDR, Johannes Becher, sie 1954 zur Künstlerischen Leiterin der Schule beruft.

1962 - 1970

1962 wird ihr der ProfessorInnentitel verliehen, 1970 bis 1974 ist sie als Gastprofessorin an der Statens Dansskola in Stockholm tätig und hält Gastunterricht u.a. in Bern und Leningrad.

1972 - 1992

1972 Vaterländischer Verdienstorden in Gold, 1980 Orden Stern der Völkerfreundschaft, 1981 Nationalpreis der DDR für Kunst und Literatur - 1. Klasse, 1983 Deutscher Tanzpreis des Deutschen Berufsverbandes für Tanzpädagogik, 1985 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold, 1992 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland. 1985 ist sie außerdem Mitglied des Kuratoriums der Semperoper Dresden sowie Mitglied des Internationalen Musikzentrums in Wien. 1991 wird sie Ehrenmitglied der Akademie der Künste zu Berlin. 1992 beendet sie ihre Lehrtätigkeit in den Fächern Improvisation und Neuer Künstlerischer Tanz an der Palucca Schule in Dresden.

Gret Palucca stirbt am 22. März 1993 in Dresden und wird auf eigenen Wunsch im Kloster auf der Insel Hiddensee beigesetzt. (dabu)

08.01.1902 - 22.03.1993
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