Minnesang und Telegramme

6. Jänner 2002, 21:33
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Ein A-cappella-Trio singt Liebeslieder - auch unterm Fenster

Wien - Zwei Dinge tut Susanna Ridler sicher nicht. Erstens: aus einer Torte springen. Zweitens: im kess-knappen Botenkostüm herumhopsen, Kusshände werfen und dabei "Happy Birthday" trällern. Aber ansonsten stimmt das, was man sich unter einem "gesungenen Telegramm" vorstellen würde, schon so ungefähr mit dem überein, was Ridler tut. Oder besser: nun auch in Wien tun will.

In den USA hat sie es nämlich schon getan. Zwei Jahre lang war die Gründerin des A-cappella-Damentrios The Treasure dort für Hochzeiten, Geburtstage oder sonstige Anlässe zu buchen. Als gesungenes Minnesang-Telegramm standen und sangen die Damen exakt dort, wo man sie hinbestellte: in Büros, auf Partys, unter dem Fenster des oder der Angebeteten - oder auch im Krankenhaus.

"Die Idee war, zwei Dinge, die es kaum mehr gibt, zu kombinieren: Minnegesang und Telegramme", erklärt Ridler das Konzept. Allerdings ist ihre Definition von Minne nur insofern mit der mittelalterlicher Kollegen wie Walther von der Vogelweide kompatibel, als die Damen "Lieder singen, die auf Gefühlen aufbauen".

Aus dem Jazzlager

Und auch, wenn sie nicht explizit für den oder die Besungenen geschrieben wurden, zu ihnen passen sollen. "Die Melodien sind folkig-jazzig", erklärt Ridler: Ihre beiden Kolleginnen, Monika Trotz und Stephanie Lang, kämen schließlich auch aus dem modernen, jazzigen Lager.

Ein "Treasure Gramm" besteht in der Regel aus einem bis drei meist selbst geschriebenen Liedern. Das Repertoire, bedauert Ridler, sei "nur in Ausnahmefällen" auf Zuruf um Wunschtitel erweiterbar: Man sei keine Jukebox, sondern um Qualität - also gut einstudierte Interpretationen - bemüht.

Blumen, Briefe, Pakete

Das rechtfertige auch den Preis: "Treasure Gramme" beginnen - im Raum Wien - bei 240 EURO. "Wir bringen auch gerne Blumen, persönliche Briefe oder Pakete bis zu neun Kilo mit", erzählt Telegrammsängerin Ridler.

Allerdings sei das in der Regel kaum nötig: Die Auftraggeber seien in der Regel dabei, wenn die gesungenen Grüße überbracht werden. Und auf einen Auftrag wartet Ridler immer noch: Das anonyme "Treasure Gramm". "So wie ein Blumengruß von einem anonymen Verehrer. Das fände ich sehr charmant."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 1. 2002)

Von
Thomas Rottenberg

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