Eu(ro)phorie - Von Gerfried Sperl

6. Jänner 2002, 18:46
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Der Start des Euro hätte auch anders laufen können. Trotz guter Vorbereitung war nicht sicher, ob die Konsumenten sofort umsteigen würden, ob die Kauflust nicht zum Erliegen käme. Die Realität ist (mit Ausnahme Italiens) anders. Was mit einem riesigen psychologischen Effekt verbunden ist.

Blenden wir zurück. Die ersten Abschwungsignale im Februar 2001 führten ab April zu einer "Konjunkturdelle", die alle Pessimisten zum Jubeln brachte. Endlich schlechte Nachrichten. Mit der Wirtschaft ging es bergab. Leise Hoffnungen auf eine Erholung ab Herbst wurden dann von den Bin-Laden-Terroristen am 11. September zunichte gemacht.

Ökonomen und Politologen sagen immer wieder, der Liberalismus sei eine Weltanschauung des Optimismus. 2001 war daher, in Verbindung mit den Angstausbrüchen nach der Terrorattacke auf die USA, kein gutes Jahr für die Liberalen.

Mit unterschiedlichen Motiven und Auswirkungen. In der Wirtschaft wurde wieder nach staatlichen Eingriffen gerufen. Was die Neoliberalen vergrätzte, die Kulturliberalen aber freute. Denn die sind für weniger Freizügigkeit in der Wirtschaft. Ärgern mussten auch sie sich: Übertriebene Sicherheitsmaßnahmen und die Zunahme einer (westlichen) Bunkermentalität gingen auf Kosten politischer Freiheiten und wurden von ihnen scharf kritisiert.

Wenn der Erfolg des Euro anhält, dann wächst die neue Währung auch in eine politische Funktion hinein. Den Terror wird das gemeinsame Geld nicht abschaffen. Und die Angst auch nicht. Aber ein Konjunkturaufschwung, vielleicht noch vor dem Sommer, würde sogar der europäischen Politik mehr Luft verschaffen. Die Bedrückten würden wieder freier atmen. (DER STANDARD, Printausgabe 7.1.2001)

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