Kaschmir: Stumme Politik - Von Markus Bernath

6. Jänner 2002, 20:22
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Hände schütteln und nichts sagen: Die stumme Politik der ausgestreckten Hand des pakistanischen Staatschefs Pervez Musharraf beim Südasiengipfel in Nepal ist weit mehr ein Ausweis der Ratlosigkeit denn gewiefter Verhandlungsführung gewesen. Musharraf und sein indischer Kollege Atal Behari Vajpayee mögen beide den Willen haben, ihre Länder vor einem neuen Krieg zu bewahren. Doch wie sie das ohne Gesichtsverlust bewerkstelligen sollen, wissen sie nicht. Das bewies schon der gescheiterte Gipfel von Agra im Juli vergangenen Jahres. Drei Tage hatten Musharraf und Vajpayee damals über den Streitpunkt Kaschmir gesprochen, am Ende konnten sie sich nicht einmal auf ein Schlussdokument einigen.

Pakistan wie Indien sind "unfertige Staaten". Das bleibt der Hauptgrund für ihre Sprachlosigkeit. Geteilt nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1947, sind beide Länder nie aus der Krise ihrer nationalen Identität hinausgekommen. Pakistans Gesellschaft hat es nicht verstanden, ein dauerhaftes politisches Regime zu organisieren, und schwankt stattdessen zwischen der Oligarchie einiger Familien und dem Machtanspruch der Armee. Indien ist eine Demokratie, hat aber weder das Problem der religiösen Minderheiten noch der sozialen Kasten gelöst: Vajpayee und seine nationalistische Hindukoalition gewannen die Wahlen von 1998 und 1999 vor allem mit dem Thema Kaschmir und der Bedrohung durch den islamistischen Terror; Musharraf und seine Generäle putschten sich an die Macht und pflegten - nicht anders als ihre Vorgänger - Kaschmir und Islamisten als Ventil der gesellschaftlichen Unzufriedenheit. Es ist längst Zeit für eine internationale Vermittlung: Die Indien-Pakistan-Krise ist riskant für die Region, für die USA und für den Erfolg der Antiterrorkoalition.

(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 07. 01. 2002)
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