Der Europäer verlässt Italiens Regierung - Von Gerhard Mumelter

6. Jänner 2002, 18:28
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Kein italienischer Diplomat ist international so versiert wie er. Renato Ruggiero kann auf über 45 Jahre Erfahrung zurückblicken, seit er seine Laufbahn als Vizekonsul in Brasilien begonnen hat. Der 71-jährige, in Neapel geborene Jurist trat 1955 nach Abschluss seines Studiums in den Dienst des italienischen Außenministeriums.

Keiner kennt das glatte Parkett der "Farnesina" - des monumentalen Außenamts in Rom - so gut wie er. Doch im Sumpf der Streitigkeiten mit rohen Regierungskollegen wie Lega-Nord-Chef Umberto Bossi blieb er nun stecken: Nach seiner öffentlichen Kritik an EU-skeptischen Mitministern kanzelte Regierungschef Silvio Berlusconi den Europafreund Ruggiero ab. Als "Technokrat" und Berlusconis Befehlsempfänger wollte der parteilose Politiker aber nicht weitermachen und trat konsequenterweise zurück.

Das ist nun vorerst das Ende von Ruggieros Karriere, die ihn unter anderem nach Washington, Moskau und Brüssel führte. Der Politik hatte er sich früher schon einmal als Außenhandelsminister des Christdemokraten Giulio Andreotti gewidmet. Bei der EU-Kommission in Brüssel war Ruggiero Generaldirektor für Regionalpolitik, 1970 stieg er zum Kabinettschef des damaligen Kommissionspräsidenten Franco Malfatti auf. Er war an den Beitrittsverhandlungen mit Großbritannien, Irland und Dänemark und an den Vorbereitungen der Währungsunion beteiligt. Vielleicht rührt daher Ruggieros Eintreten für den Euro und sein Ärger über Ministerkollegen, die die Gemeinschaftswährung in den letzten Tagen schlecht zu machen suchten. Dabei kann auch niemand Ruggiero volkswirtschaftliche Kompetenz absprechen, bekleidete er doch bis 1999 das prestigeträchtige Amt des Generaldirektors der Welthandelsorganisation WTO.

Dass ihm als Außenminister der Regierung Berlusconi der Wind kräftig ins Gesicht blasen würde, war Ruggiero klar. Doch der selbstbewusste Diplomat traute sich den Balanceakt zu, im Ausland eine Regierung zu vertreten, deren politische Ziele er kaum teilte. Diesen Spagat hat er nicht geschafft. Dabei wusste er als Diplomat stets Geduld mit einem Instinkt für Erfolg zu paaren. In ihm vereinen sich Zielstrebigkeit und Durchsetzungskraft mit der typisch neapolitanischen Überzeugung, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.

Auch ohne Regierungsamt wird Ruggiero nicht langweilig. Er sitzt im Fiat-Verwaltungsrat, mit dessen Symbolfigur Gianni Agnelli ihn eine enge Freundschaft verbindet. Bei der Investmentbank Schroeder Smith Barney, deren Vizechef er war, stehen ihm die Türen offen. Auch einer seiner drei Söhne würde den versierten Manager sicher gerne beschäftigen: Riccardo Ruggiero ist Chef der Telefongesellschaft Infostrada.

(DER STANDARD, Print- Ausgabe, 07. 01. 2002)
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