Felderer: "Steuerharmonisierung in der EU wäre wünschenswert"

6. Jänner 2002, 18:41
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Experten fordern eine Angleichung der Steuersätze - Der Finanzminister sieht dafür aber keine Notwendigkeit

Wien - "Es ist zu befürchten, dass der Einkaufstourismus nach Deutschland und Italien zunimmt." Bernhard Felderer, Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), glaubt, dass vor allem die Grenzregionen Österreichs schon bald den Nachteil unterschiedlich hoher Steuern im Euroraum zu spüren bekommen werden. "Schon bisher war es beispielsweise in Kärnten so, dass sich die Bewohner der Grenzregion mit Medikamenten in Italien eingedeckt haben, weil die dort viel billiger sind." Gleiches werde auch in anderen Grenzgebieten Österreichs passieren.

In Deutschland sind etwa Computer und elektronische Geräte deutlich billiger: Zum einen profitieren die Unternehmen vom größeren Markt und den damit verbundenen Einkaufskonditionen, zum anderen gilt in Deutschland ein Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent, in Österreich liegt er bei 20 Prozent. Das Ergebnis: Preisunterschiede von Hunderten Euro bei einer Computerausrüstung.

Profitabler Ausflug

Ein kurzer Ausflug über die Grenze zahlt sich aus - und ist völlig legal: Innerhalb der EU gibt es keinen Zoll und keine Mehrwertsteuernachzahlungen, alle Pflichten sind an der (deutschen) Kassa erfüllt. Ausnahme: Österreich hat sich bei Autos das Recht gesichert, hier den österreichischen Mehrwertsteuersatz (und die Normverbrauchsabgabe) beim Import vom Käufer zu kassieren, was dem Eigenimport von Fahrzeugen viel an Attraktivität nimmt.

"Es wäre im Interesse der Grenzregionen wünschenswert, die Steuersätze zu harmonisieren", meint Felderer. Würde Deutschland etwa auf 17 Prozent anheben und Österreich auf 18 Prozent absenken, wäre die Differenz vernachlässigbar.

Finanzminister Karl-Heinz Grasser sieht hingegen keinen Bedarf: "Der Euro hat mit der Steuerharmonisierung nichts zu tun. Im Übrigen kostet schon ein Prozentpunkt Mehrwertsteuer weniger dem Staat viele Milliarden - wo sollen die herkommen?", fragt der Finanzminister.

In der deutschen Wirtschaft hat man den neuen Markt bereits geortet: Die Elektronikkette Mediamarkt wird ihre Werbeaktivitäten in der Grenzregion verstärken. (Michael Moravec, DER STANDARD, Printausgabe 7.1.2001)

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