Blühende Schönheit ohne Konkurrenz

9. Jänner 2002, 23:29
posten

"Die Blume, die den Frühling bringt", heißt sie in Japan. Denn obwohl sie sehr empfindlich ist, blüht die Kamelie nur im Winter in voller Pracht - und lenkt so alle Blicke auf sich.

"Wagen Sie nicht, anzunehmen, eine Ausnahme machen zu können. Sie wissen, ich werde krank, wenn ich die Blumen rieche." So beschimpft in Alexandre Dumas' Erzählung "Die Kameliendame" die Heldin Marguerite einen Freier, der ihr einen intensiv duftenden Blumenstrauß mitbringt. Da sie aber allergisch auf Blumenduft reagiert, beschränkt sie sich auf Kamelien, deren zartes Bouquet bei ihr keinen Hustenreiz auslöst.

Die Parallelen sind natürlich unübersehbar: Trägerin wie Blume bezaubern durch ihre zarte Anmut, sind dabei aber auch äußerst empfindlich. Und beide erblühen in voller Schönheit, ehe die raue Wirklichkeit sie zerstört.

Ein sensibles Geschöpf

Tatsächlich war die Kamelie zu Dumas' Zeiten ein sensibles Geschöpf, und selbst heute, viele Zuchtgenerationen später, gilt sie als heikel. Da es mehr als 200 Arten und rund 30.000 verschiedene Sorten von Kamelien gibt, die übrigens allesamt zur Gattung der Teestrauchgewächse gehören, lässt man sich am besten beim Kauf über die jeweils sortenoptimale Pflege informieren.

In ihrer südostasiatischen Heimat wird die Kamelie seit Jahrhunderten kultiviert und als heilige Pflanze verehrt. Das Öl des Kameliensamens fand ob seines hohen Feuchtigkeitsgehaltes schon früh Verwendung in der Haut- und Haarpflege - ein Umstand, der den japanischen Kosmetikkonzern Shiseido dazu bewog, die Kamelie im Firmenlogo zu verewigen. Und in Yokohama kann man im "Land der Kinder", einem Park, mehr als 600 verschiedene Kameliensorten bewundern.

Name der "Chinarose"

Ihren Namen verdankt die Kamelie dem mährischen Jesuitenpater Georg Joseph Kamel, der sie 1739 von einer Missionsreise aus Südostasien nach Europa mitbrachte.

Schnell entwickelte sich die auch als Chinarose bekannte Pflanze zur Modeblume: Herren trugen sie im Knopfloch, Damen am Dekolletee oder im Haar, und in den Salons blühten ganze Sträucher voll duftender Farbtupfer. Um die Nachfrage auch nur halbwegs befriedigen zu können, verschickten Mitte des 19. Jahrhunderts Kameliengärtner wie Traugott und Jakob Friedrich Seidel aus Dresden alljährlich mehr als 100.000 Pflanzen an Aristokratie und betuchtes Bürgertum.

Die Salons waren natürlich nicht der optimale Lebensraum für die empfindlichen Kamelien: Zu heiß, zu stickig war dort die Luft. Besser geeignet waren - und sind - Wintergärten, und da die Kamelie nur zwischen Oktober und Mai blüht, ist sie dafür die ideale Zierpflanze.

Auch im Garten bevorzugen Kamelien den Halbschatten gegenüber praller Sonne, wärmer als 15 Grad mag sie es gar nicht. Heute gibt es auch schon einige winterharte Sorten, doch das gilt wohl nur für Regionen mit Weinbauklima, und selbst dort sollte man die Pflanzen im Winter sicherheitshalber in Laub und Reisig einpacken. Bis zu minus 20 Grad halten bisher nur zwei Kamelienzüchtungen aus, nämlich die tiefrosa "Frost Prince" und die lavendelrosa "Frost Princess".

Farbenpracht

Neben der Frosthärte liegt das Hauptaugenmerk der Kamelienzüchter auf der Farbe. Angestrebt werden vor allem feurige Rottöne, die durch Lichteinfluss nicht gleich verblauen, sowie ein sauberes Weiß, das auch im Freien wetterfest ist. Obwohl derzeit der Trend zu dicken Knospen und großen Blüten geht, erscheint die Kamelie in einer Vielzahl von Wuchs- und Blattformen: Allein die Größe der porzellanartigen Blüten variiert von zwei bis zwanzig Zentimeter Durchmesser. Die Farbpalette reicht von Weiß bis Dunkelrot, die Duftskala von kaum wahrnehmbar bis sehr intensiv.

So wie Dumas nur scheinbar duftlose Exemplare kennen gelernt haben dürfte, so ging auch die amerikanische Schriftstellerin Louisa May Alcott davon aus, dass Kamelien keinerlei Wohlgeruch verbreiten könnten. In ihren etwa zur gleichen Zeit erschienenen "Blumenfabeln" lässt sie ihren Protagonisten, Graf Stennio, über seine hartherzige Ehefrau Imperia klagen: "Du bist wie die blühende Kamelie, die die Jesuiten aus dem Orient mitgebracht haben: Schön, aber ohne den Duft der Liebe."

(DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.1.2002)

Von
Marie-Therese Gudenus
Share if you care.