"Ich möchte verändern, was falsch ist"

6. Jänner 2002, 10:00
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Noam Chomsky über den "Kampf der Kulturen", Afghanistan und die USA

STANDARD: In Ihrem neuen Buch "War Against People" analysieren Sie die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Ländern, wie etwa Irak oder Kuba, die auf die eine oder andere Weise außerhalb der "internationalen Ordnung" stehen. Ihre Schlussfolgerung scheint zu sein, dass die USA sich noch weiter von den Normen des Völkerrechts entfernt haben als die "Schurkenstaaten". Sind Afghanistan und Bin Laden Sonderfälle oder passen sie zur Linie Ihres Buchs?

Noam Chomsky: Afghanistan ist ganz etwas anderes. Die Frage nach dem Völkerrecht und der Einhaltung von Verträgen stellt sich nicht bei einem Land, das in den achtziger Jahren in einem bitteren Krieg in Stücke gerissen wurde. Es gab einen gewissen Fortschritt bei den Frauenrechten und in anderen Bereichen, aber die mörderische Invasion der Sowjets und der brutale Widerstand der radikalen Islamisten, der von der CIA organisiert wurde, zertrümmerten das Land. Als sich die Russen zurückzogen, wurde es noch schlimmer, denn die Warlords haben alles, was noch übrig war, zerstört. Die Taliban wurden zunächst in der Hoffnung auf Ordnung und Stabilität willkommen geheißen, aber haben sich durch ihren verrückten Kurs hin zur mittelalterlichen Barbarei rasch unmöglich gemacht. Bin Laden und seine Gangster haben es noch verschlimmert und die amerikanischen Bombenagriffe haben noch mehr Trümmerhaufen geschaffen - vielleicht bleibt eine kleine Hoffnung, dass aus diesem ganzen Schrecken ein Wiederaufbau möglich wird, falls die nötigen Mittel dazu bereitgestellt werden. Jedenfalls scheint mir das Wort "Schurkenstaat", das zumindest theoretisch Verpflichtungen im Sinne des Völkerrechts impliziert, hier nicht zuzutreffen.

STANDARD: Halten Sie die islamistische Bewegung angesichts der Popularität von Bin Laden in vielen Entwicklungsländern für eine politisch wirksame Antwort auf die globale Ungerechtigkeit, die Sie in Ihren Büchern darstellen und kritisieren?

Chomsky: Ich glaube nicht, dass Bin Laden wirklich populär ist. Er scheint bewundert zu werden, da er gegen die "zerstörerische Macht" des Westens Widerstand leistet, aber diese Bewunderung hegen ja sogar die, die ihn hassen und fürchten - eine ziemliche Mehrheit, wie ich vermute. Die radikalen islamistischen Bewegungen, von denen er ja nur ein Element darstellt, sind eine verständliche Reaktion auf die Zerstörung politischer Handlungsfelder und demokratischer Optionen sowie auf die Verhinderung einer unabhängigen wirtschaftlichen Entwicklung, aber sie sind nicht "politisch wirksam", sondern ganz im Gegenteil zerstörerisch. Dasselbe gilt auch für das starke Wiederaufleben des fanatischen christlichen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten: verständlich, aber gefährlich.

STANDARD: In Ihrem Buch behaupten Sie, dass nur die öffentliche Meinung in den USA etwas verändern könnte. Gleichzeitig ist das Buch voll böser Kritik an den "liberals". Wo sehen Sie denn die Grundlage einer neuen Bewegung in den USA? Sind "links" und "rechts" noch relevante Kategorien oder sind neue Koalitionen im Entstehen?

Chomsky: Meine Kritik richtet sich gegen "liberals" unter den Intellektuellen, die sich als gesellschaftliche und ideologische Manager andienen und beim Dienst für die bestehenden Machtverhältnisse lediglich etwas mehr Auswahl ermöglichen. Die vom Volk getragenen Bewegungen, Bürgerrechte, Kriegsgegner, Feminismus, Umwelt, Solidarität, Atomkraft usw., kamen nur periphär aus diesem Kreis. Und diese Kräfte sind beträchtlich und viel stärker in der Gesellschaft verankert als in den 60er Jahren. Im Kontext der weltweiten Opposition gegen die von den großen Konzernen getragene "Globalisierung" spielen sie auch auf der internationalen Bühne. Die Probleme sind sehr real und wichtig und da gibt es viel Energie und Engagement. Sehr vielversprechend, würde ich sagen.

STANDARD: Sie heben die Vereinigten Staaten häufig als besonders negative Kraft hervor. Glauben Sie, dass die Europäer, relativ gesprochen und mit Ausnahme Großbritanniens, eine positivere Rolle spielen?

Chomsky: Ich finde nicht, dass die USA eine besonders negative Kraft darstellen. Stimmt, sie sind wesentlich mächtiger als Andorra und können deshalb mehr Schaden anrichten, aber das ist eine Funktion der Macht und hat nichts mit den jeweiligen Ländern zu tun.

Betrachtet man die Macht der USA, sollte sie jeder "hervorheben" um die Welt zu verstehen und zu verändern. Aber für amerikanische Bürger ist dies eben elementare moralische Pflicht: Wir sind primär verantwortlich für die zu erwartenden Folgen unserer eigenen Handlungen (oder Unterlassungen), das heißt, dass die Politik unserer eigenen Einrichtungen uns unmittelbar angehen, besonders in einer relativ freien und demokratischen Gesellschaft, wo wir vergleichsweise beträchtliche Handlungsmöglichkeiten haben. In diesem Sinne, ja, hebe ich die USA hervor und muss das auch tun. Auch als "negative Kraft", denn ich habe kein Interesse daran, Noten für ein bestimmtes Benehmen zu verteilen; ich möchte verändern, was falsch ist. Von anderen Staaten erwarte ich nichts anderes oder besseres: sieht man sich deren Verhalten an, so ist es ganz schrecklich.

STANDARD: Einerseits analysieren Sie in klassisch linker Manier die wirtschaftliche Grundlage der Politik und Militärpolitik der USA und des Westens. Andererseits kritisieren Sie die irrationalen Reaktionen der USA in vielen Krisensituationen. Gibt es ein "kulturelles" Element in der Außenpolitik der USA, das nicht genügend berücksichtigt wird? Ist vielleicht doch irgendetwas am "Kampf der Kulturen"?

Chomsky: In den 80er Jahren haben die Vereinigten Staaten einen großen Krieg in Zentralamerika geführt, der an die 200.000 gefolterte und verstümmelte Leichen hinterlassen hat, Millionen von Waisen und Flüchtlingen und vier verwüstete Länder. Ein Hauptziel des U.S.-Angriffs war die katholische Kirche, die die schmerzliche Sünde auf sich genommen hatte, sich eher auf die Seite der Armen zu stellen.

In den frühen 90ern, hauptsächlich aus zynischen Machtgründen, machten die Vereinigten Staaten die bosnischen Mosleme zu ihren Klienten auf dem Balkan, allerdings kaum zu deren Vorteil. Wo ist jetzt die Frontlinie zwischen den Kulturen? Müssen wir daraus schließen, es gäbe einen "Kampf der Kulturen" zwischen der katholischen Kirche Lateinamerikas einerseits und den Vereinigten Staaten und der moslemischen Welt andererseits? Natürlich wäre eine solche Annahme absurd. Aber es gibt "kulturelle" Elemente bei der Formulierung einer Politik: der Glaube Amerikas an seine Ausnahmestellung, der Gedanke des Messianismus und der Auserwähltheit, der Schaden, den der Charakter nimmt, wenn man Jahrhunderte lang über viel schwächere Feinde immer wieder leichte Siege errungen hat.

Zur Frage der Irrationalität: mir scheint, dass politische Handlungen, auch von Bin Laden, in ihren institutionellen und ideologischen Gefüge rational scheinen, auch wenn dieses Gefüge ganz und gar irrational im Sinne der Hoffnung auf ein einigermaßen anständiges Überleben ist. Vor Jahren habe ich einen Artikel über die "Rationalität des kollektiven Selbstmords" geschrieben, wo ich die selbstmörderische Richtung des Rüstungswettlaufs als ganz und gar rational im Sinne des wahnsinnigen Wertesystems erklärte, das kleinliche Machtinteressen stützte. Man kann dasselbe über den Wettlauf sagen, die Umwelt zu zerstören, den Weltaum zu militarisieren und vieles andere.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2002)

Walter Grünzweig sprach mit dem Autor von "War Against People". Eine Rezension lesen Sie hier.
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