Dilettanten des Widerstands

4. Jänner 2002, 21:25
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Die Dunkelkammer der Damokles, W. F. Hermans böse Entzauberung eines Kriegshelden

Schon der erste Eindruck irritiert: Damokles hatte zwar das gleichnamige Schwert, aber sicherlich keine Dunkelkammer, wie der Titel von W. F. Hermans "sakrilegischem Roman" (Cees Noteboom) aus dem Jahr 1958 suggeriert. Schiefes Bild, Stilbruch? Keineswegs. In der dunklen Kammer in seinem Laden, die der niederländische Trafikant Henri Osewoudt zum Filmentwickeln verwendet, nimmt das Verhängnis quasi seinen Anlauf. Der finstere Raum steht nicht bloß für einen Ort der Fotografie, sondern gleichermaßen für die Grauzonen in Osewoudts Leben. Seine blinden Flecken. Die Leichen im Keller. Erst nachträglich wird dem Leser klar, dass, was sich hier lebenstechnisch zusammengebraut hat, nicht unbedingt Entwicklerflüssigkeiten waren, sondern eher: Säurebäder.

Aber zunächst einmal wird er in eine nicht unvergnügliche Handlung hineingezogen, so wie auch der Protagonist selbst. Osewoudt selbst ist nämlich der klassische Dünnbrettbohrer, und noch dazu einer mit viel Pech. In einem Anfall von Wahnsinn hatte seine Mutter seinen Vater umgebracht; der Halbwüchsige wurde bei seinem Onkel in Pflege untergebracht und dort Spielball der resoluten Frühreife seiner hässlichen Kusine. Eher aus Faulheit denn aus Berufung ehelicht der adoleszente Osewoudt sie und übernimmt den väterlichen Tabakladen im Kaff Voorschoten, aus dem lediglich eine Straßenbahn hinausführt.

Aus diesem kleingeistigen Idyll entfernt aber erst der Zweite Weltkrieg den jungen Trafikanten. 1940, knapp vor der heimischen Kapitulation, erscheint der niederländische Offizier Dorbeck bei Osewoudt und gibt ihm einen Film zum Entwickeln. Den ganzen Roman über werden wir nicht erfahren, ob dieser mysteriöse Mann wirklich existiert, denn er gleicht dem bartlosen Protagonisten, bis aufs dunkle Haar - ein psychodynamisch abgespaltener Doppelgänger, Alibi und Personifikation der Schuld? Dorbeck beginnt Osewoudt in Untergrundaktivitäten hineinzuziehen, in ein Gestrüpp aus Spionagefotos, Mordanschlägen und pikaresken Abenteuern mit untergetauchten Frauen und plötzlich auftauchenden Gestapo-Leuten. Bis Kriegsende kann sich Osewoudt so der Illusion hingeben, auf der richtigen Seite (im Widerstand) gestanden zu haben; 1945 indes wird er als Nazi-Provokateur und Spion verhaftet und schafft es einfach nicht, seine Unschuld zu beweisen. A blede G'schicht, würde hier der gelernte Wiener Verdrängungskünstler sagen - und dazu noch eine, die in einer mitreißend lakonischen wie dialogischen Filmtechnik erzählt wird.

Auch der unbedarfteste Leser freilich beginnt in der finalen Zuspitzung der anfangs charmanten Handlung zu verstehen, warum der Autor als der große böse alte Mann der niederländischen Literatur gilt. Willem Frederik Hermans (1921-95) war ein Schriftsteller mit den Vorzügen des genialisch konservativen Streithansls (die etwa auch Thomas Bernhard aufwies): Hemmungslosigkeit, gepaart mit Skepsis und bösem Humor. Dies stellte der ehemalige Geologiedozent etwa unter Beweis, als er 1973 mithilfe des Schlüsselromans Onder professoren mit seinen Exkollegen an der Universität Groningen abrechnete. Bei der Gelegenheit bekommt mit dem akademischen Kleinbürgertum gleich auch die 68er-Bewegung ihr Fett ab, etwa wenn Hermans sich darüber mokiert, dass gerade die wohlhabende Jugend seiner Tage aus Sentimentalität die schlecht sitzende Arbeitskleidung schwarzer Baumwollpflücker trage (die bösartigste Hommage an die Jeans, die ich kenne).

Dass Hermans wohl ein gefürchteter Polemiker, Moralist und Rechthaber, aber kein übler Reaktionär war, bewies er indes mit seinem öffentlichen Eintreten gegen die schmutzigen "Polizeiaktionen" der niederländischen Kolonisatoren in Indonesien. Sein moralischer Anspruch kannte keine Lager, keine politische Rücksichtnahme, allerdings auch keine Utopie, sondern nur ein "sadistisches Universum", das auf Zufall, Missverständnissen und Willkür beruht. In der Dunkelkammer des Damokles freilich führt dieser pessimistische Extremismus dazu, dass eine der essenziellsten Botschaften gegen Ende des Buches ausgerechnet einem kriegsgefangenen SS-Mann in den Mund gelegt wird: "Dieser Krieg ist nur ein kleiner Vorgeschmack der Welt, die kommt! Die Welt wird viel zu dicht bevölkert sein, um Raum zu lassen für Verrückte, Gütige, Heilige. (. . .) Innerhalb von etwa zwanzig Jahren werden die Amerikaner und die Russen die Juden von den Arabern ausrotten lassen, wenn ihnen das in den Kram passt. (. . .) Oder sie lassen die Araber von den Juden ausrotten. Das nur als Trost!" Müßig (und bedauerlich) hinzuzufügen, dass in diesem Extremzynismus ein seltsam präzises Prophezeiungspotenzial lag.

In den Niederlanden der 50er-Jahre allerdings, die von der nationalen Mythe des eifrigen Widerstands, des aufgeklärten Auf-der-richtigen-Seite-Stehens zehrten, war Die Dunkelkammer des Damokles eine schier unerträgliche Provokation. "Wie dieses Buch auf einen deutschen Leser wirkt, weiß ich nicht.(. . .) Die Niederlande der Nachkriegszeit traf dies wie ein Schock, und dieser Schock hat seine Wirkung bis heute nicht verloren", schreibt Cees Noteboom in seinem Nachwort.

Warum aber in drei Teufels Namen verfasst man so einen Roman? Aus blanker Freude, eine literarische Handgranate geworfen zu haben? "Wenn ich drei Tage lang nichts schreibe, werde ich neurotisch", antwortete Hermans auf die Frage. Schreiben sei "sein Gebrechen. Es ist die Wucherung einer bestimmten geistigen Funktion, wie alles im Leben." Und dass diese Wucherung auch noch in der Lage ist, die dunklen Kammern des Lebens zu erfassen, gereicht ihr wohl zum ambivalenten Ruhm.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2002)

Von
Clemens Ruthner

W. F. Hermans:
Die Dunkelkammer der Damokles.
Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
EURO 20,60/öS 284,-/ 415 Seiten.
G. Kiepenheuer, Leipzig 2001.
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    Willem Frederik Hermans

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