"Eloge de l'amour": ... und wenn das Kino einmal "erwachsen" wäre?

15. Juli 2004, 11:04
3 Postings

Jean-Luc Godards "Eloge de l'amour": Freiheit im Kino! Position beziehen!

Foto: Stadtkino
Auch der jüngste Film von Godard verlangt keine Huldigungen an einen alten Meister, sondern fordert den Betrachter auf, Position zu beziehen. Mehr Freiheit wird einem im Kino dieser Tage kaum jemals geboten.

Von Claus Philipp

Wien - Beginnen wir mit einer Reaktion, von der man annehmen darf, dass sie durchaus nicht unüblich ist. Eine Viennale-Besucherin gab sich nach einer Vorführung von Jean-Luc Godards Eloge de l'amour einigermaßen erregt: Es sei unerträglich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Selbstverliebtheit der Filmemacher einen mit dem, was er sich da abringe, allein lasse. Sie jedenfalls habe in sich gegenüber diesem "Gestus von oben herab" einen beklemmenden Drang zur Flucht oder zumindest zum Widerspruch verspürt. "Was für eine Zumutung!"

Nun kann man über den Begriff des Zumutbaren lange disputieren: Tatsache ist, dass er im Bereich des Mainstream-Kinos entschieden weniger thematisiert wird als im Fall Godard - obwohl Eloge de l'amour weniger Schlagzeilen macht als zum Beispiel Pearl Harbor. Und könnte "von oben herab" nicht zumindest das Zugeständnis implizieren, hier verfüge ein Künstler über wesentlich mehr Erfahrung und Können als sein Umfeld?

Sei's drum: Godard war es seit jeher um eine Klärung von Positionen zu tun. Und wenn eine Position beim Betrachter Widerspruch auslöst, dann müsste dieser laut Godard sich zumindest Argumente, ein Vokabular und auch ein Wissen aneignen, diesen Widerspruch bzw. sich selbst zu artikulieren.

Was stört mich an diesem Bild, warum empfinde ich diesen Off-Kommentar als aufgesetzt? Ist er es tatsächlich. Kann ich es begründen?

Kniefall-Gefahr

Kurz: So beliebig Godards Filme manchmal zu agieren scheinen (im Sinne auch von: mit uns spielen), so sehr verweigern sie sich der nebulosen geschmäcklerischen Huldigung wie auch Kritik.

In diesem Zusammenhang nervt übrigens eine Anmerkung im Wiener Stadtkino-Programm zu Eloge de l'amour, in der mit einiger Kniefälligkeit behauptet wird, es sei notwendig gewesen, ein Interview mit Godard zu "entschlüsseln".

Darauf kann man nur sagen: Leute, hört auf mit der Anbetung! Godard sagt weitgehend doch ganz klare Sachen: "Ich glaube nicht, dass ein Filmemacher - wie auch ein Maler - mehr als zwei oder drei gute Filme machen kann. Man kann sehr viele machen, ich habe viele gemacht. In einigen meiner Filme gibt es schöne Einstellungen, aber das ist alles, der restliche Film kann sehr schlecht sein."

Man muss das nicht als Koketterie eines Altmeisters lesen, denn: Was wäre schon Meisterschaft, wenn doch eher der Weg das Ziel ist und auf diesem Weg auch einige Peinlichkeiten oder Fehler passieren? Wie ist das nun bei Eloge de l'amour? Wo wären hier die Orientierungshilfen?

Diesem Film fehlen entschieden die leicht ausmachbaren Eckpfeiler, vor denen man auch sich selbst leichter positionieren könnte: Etwa das "andere" Spiel von Stars, wie bei Alain Delon in Nouvelle Vague oder Gérard Depardieu in Helas pour moi! Es fehlen, wenn man von weniger populärer Tagebuchliteratur absieht (vieles im Film gleicht aphoristischen Notaten etwa in Pessoas Buch der Unruhe), die großen kulturellen Referenzen wie bei Prénom: Carmen oder Passion.

Und höchst rudimentär setzt sich das Netzwerk zwischen Film und Video, Geschichten und Geschichte, Privatheit und Öffentlichkeit fort, das etwa das Selbstporträt JLG par JLG oder die Histoire(s) du cinéma durchzog.

Verkaufter Widerstand

Stattdessen in Eloge de l'amour: Wie verhält man sich zur Geschichte eines jungen Mannes, der bevorzugt in einem Buch mit unbedruckten Seiten blättert? Wie setzt man das in Verbindung mit einem in Schwarz-Weiß gefilmten Paris (das im Übrigen die protzig digitalisierten Montmartre-Fantasien in Jean-Pierre-Jeunets Amélie alt aussehen lässt)? Und was soll die "Erinnerung" an ein Gespräch mit alten Résistance-Kämpfern, die ihre Geschichte an US-Filmproduzenten (und damit auch an spekulative Spielfilmformate) verkauft haben?

Dazwischen tauchen Grußbotschaften auch an den verstorbenen Robert Bresson auf. Unfassbare Frauenporträts. Bilder der Überreste der alten Renault-Fabriken in Billancourt. Und, draußen vor dem Kino gewissermaßen, in Interviews Godards Verdikt: Es sei relativ leicht zu definieren, was "jung" oder "alt" sei - aber "erwachsen"? "Man braucht eine Geschichte dazu, man muss präzisieren, um welche Art von Erwachsenen es sich handelt."

Man könnte davon ausgehend Eloge de l'amour den Versuch eines "alten" Künstlers (Godard ist 71) über ein Medium nennen, das immer noch nicht "erwachsen" ist, aber in seiner tradierten Form schon wieder höchst gefährdet. "Nicht erwachsen" ist das Kino, wenn es etwa immer noch zwischen Begriffen wie "Spielfilm", "dokumentarisch", "experimentell" daherstolpert - als bräuchte es immer das verkaufbare Etikett (und die damit verbundenen, scheinbar unumgänglichen Filmlängen und Leistungen).

"Nicht erwachsen" ist es auch als Dialog zwischen dem Künstler und dem Publikum insofern, als die Toleranz, die man etwa Fernando Pessoas Unruhe entgegenbringt (weil man ein Buch auch "weglegen" kann), im Kino (wo man etwas "durchstehen" muss) kaum gegeben ist. Wahrscheinlich würde Godard weit weniger als "von oben herab" oder, wie oft gesagt wird: "terroristisch" empfunden, könnte man seine Bilder, Töne und Montagen mit Muße an einem Schneidetisch nachlesen.

Auch darüber erzählt Eloge de l'amour, ohne unbedingt immer alles auszusprechen. Dem Betrachter steht es frei, wie er sich dazu verhalten will. Er sollte sich der Zumutung aber stellen, und sei es nur, um festzustellen, wo seine eigene Unruhe beginnt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2002)

Share if you care.