Schulbücher transportieren Klischees und Werturteile über Minderheiten

4. Jänner 2002, 15:08
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Ignoriert werde z.B., dass auch "bei uns" Frauen unterdrückt werden

Wien - In vielen Schulbüchern werden Klischees über Minderheiten in Österreich transportiert. Die Schule als eine nationalstaatliche Institution vermittle bewusst oder unbewusst die Kultur bzw. Werte der nationalen Mehrheit, heißt es in einem Beitrag von Karin Efinger und Doris Englisch-Stölner für die pädagogische Zeitschrift "Erziehung & Unterricht". Unterschiede zu MigrantInnen würden betont und problematisiert, während in Österreich anerkannte Volksgruppen folklorisiert würden.

Vergleich der Kultur mit einem "Werturteil" verbunden

So kommen die Autorinnen zum Schluss, dass ethnische und kulturelle Unterschiede zwischen MigrantInnen bzw. Asylwerbern und "echten" ÖsterreicherInnen oft negativ betont werden. Oft beschränke sich die Darstellung darauf, die angeblichen und tatsächlichen Unterschiede zu "westlichen" Familien heraus zu arbeiten. Der "Vergleich der Kulturen" sei meist mit einem Werturteil verbunden, das aus ethnozentrischer Perspektive gefällt werde. So geschehe etwa die Thematisierung patriarchalischer Strukturen immer im Zusammenhang mit MigrantInnen, oft in Verbindung mit dem Islam. Ignoriert werde dabei, dass auch "bei uns" Frauen unterdrückt würden und diese Ausformungen von Gewalt mit patriarchalischen und nicht mit islamischen Vorschriften zu tun hätten.

Armut betreffe nur MigrantInnen

Kritik üben die Studienautorinnen auch an der einseitigen und verallgemeinernden Darstellung der Wohnverhältnisse von MigrantInnen. Indem Armut fast ausschließlich mit MigrantInnen in Verbindung gebracht werde, bleibe einerseits die "österreichische Armut" verdeckt, andererseits würden die Betroffenen erst recht als fremd empfunden.

Im Schulbuch "Lesestunde 4" befasst sich etwa ein Text mit dem Titel "Das jugoslawische Haus" mit der Wohnsituation von MigrantInnen, in dem einem Buben der Umgang mit jugoslawischen Kindern verboten wird. Dieser entgegnet darauf: "Der Branko ist nicht schmutzig und die Wohnung vom Branko auch nicht. Ich war gestern dort. Es ist eine Kellerwohnung. Stell dir vor: wenn sie das Fenster aufmacht, fällt von der Straße oft Schmutz herunter: Die Mutter von Branko putzt ihn aber gleich weg!" Auch wenn die Geschichte eine Vorurteile abbauende Absicht verfolge, mute die Argumentation "seltsam" an, meinen die Studienautorinnen. Die Schilderung einer Substandard-Wohnung in Verbindung mit MigrantInnen sei klischeehaft und viel einprägender als die Tatsache, dass die Mutter offenbar "wider Erwarten" die Wohnung sauber halte.

Anerkante Volksgruppen folklorisiert

Anerkannte Volksgruppen werden laut der Studie hingegen meist in positiven Zusammenhängen thematisiert. Die kulturellen Unterschiede würden dabei aber gar nicht erwähnt oder folklorisiert und damit in einen vom Alltag abgehobenen Raum projiziert. Zwar seien Sprache und Kultur der Volksgruppen als erhaltens- und schützenswert dargestellt. Dennoch setze sich der Eindruck durch, dass das "Anderssein" der Volksgruppen nicht allzu sehr hervorgehoben werde, um die Harmonie nicht zu gefährden. Als Beispiel wird eine Strophe eines Gedichtes in "Das Dorner Lesebuch 4" angegeben, wo es über "Kroaten im Burgenland" heißt: "Wechseln Sprache und Gewänder, unsere Herzen schlagen gleich: alle sind wir Burgenländer, Kinder unseres Österreich!...".

Die Darstellung der Lebenswelt von Sinti und Roma beschränke sich wiederum auf die klischeehaften Vorstellungen über "Zigeuner", wie z.B. in der Erzählung "Die schwarzen Weiber" im Killinger-"Lesebuch 2": "Sei vorsichtig, Walter!", sagte ein Mädchen. "Die können hexen!"..."Geh, die sind doch nur faul und wollen nicht arbeiten" bzw. "Vier Wagen waren es. Ein alter Lastwagen, ein Personenauto mit einem Wohnanhänger, ein großer grüner Wohnwagen mit einem Traktor davor und ein alter Karren mit einem Pferd...".

Mit einer solchen Darstellung würden "groteskerweise Vorurteile perpetuiert und ethnische Unterschiede immer wieder konstruiert, um - in friedenserzieherischer Absicht - darauf hinzuweisen, dass trotz dieser Differenzen ein friedliches Zusammenleben möglich sein sollte", heißt es in der Studie. (APA)

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