"Ersatzteillager Schwein"

3. Jänner 2002, 20:55
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Von Jürgen Langenbach

Wieder einmal überrascht die Biotechnik mit einem Angebot, auf das die Gesellschaft kaum vorbereitet ist: Wenigstens im Labor sind sie da, die ersten genmanipulierten Schweine, die als Organspender für Menschen dienen können ("Xenotransplantation"). Nur Heilige und eingefleischte Vegetarier werden sich zornes- oder schamrot von diesen Kreaturen abwenden, den anderen mag die Perspektive beim ersten Anblick eine gröbere Gänsehaut bescheren, die sich bei näherer Betrachtung dann wieder legt: ja, warum denn nicht?

Tiere als Ersatzteillager könnten nicht nur die Wartelisten verkürzen und Leben verlängern, sondern auch die psychisch höchst schwierige Situation entspannen, in der ein potenzieller Transplantatempfänger darauf warten muss, dass irgendein Mensch, möglichst ein junger und gesunder, auf dem Heimweg von der Disco mit dem Auto von der Straße abkommt und ein verwertbares Herz hinterlässt.

Dann doch lieber ein Stück vom Schwein. Auf der ganz hohen ethischen Ebene gibt es kaum Einwände gegen die Alternative, sogar der Vatikan ist sich ausnahmsweise einig mit der Biotechnik und befürwortet die Forschung. Die wirklichen Probleme liegen eine Stufe tiefer, in Sicherheitsfragen: Was für Individuen zum Segen werden kann, kann Gesellschaften oder gar die ganze Menschheit in Gefahr bringen: Man fürchtet, dass mit den Transplantaten neue Krankheiten auf die Menschen kommen könnten, im schlimmsten Fall eine Pandemie wie HIV.

Ob dieses Risiko grundsätzlich eingegangen werden soll und wie es im Detail minimiert werden könnte - Transplantatempfänger müssten nach einem Vorschlag bei Krankheitsausbruch mit lebenslanger Quarantäne rechnen -, darüber nachzudenken, bleiben etwa fünf Jahre. Dann sollen die Schweine da sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 1. 2002)

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