Folget dem Lichte des Euro - Von Francesco Giavazzi und Alberto Giovannini

3. Jänner 2002, 19:05
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Eine Hymne der Zuversicht zweier renommierter Ökonomen aus dem (ehemaligen) Lire-Land

Die Geschichte des Euro ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Ideen aus der Wirtschaft die öffentliche Meinung prägen und schließlich auch politische und wirtschaftliche Institutionen neu gestalten können.

Die europäische Wirtschafts-und Währungsunion (WWU) entsprang folgendem, auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinenden Argument, wonach die Entscheidungsgewalt von Regierungen über Wechselkurse und Finanzmärkte sich umgekehrt proportional zu ihrer Fähigkeit verhält, auf eben diesen Märkten für Stabilität zu sorgen.

Italien ist hierfür ein sehr anschauliches Beispiel: Vor der WWU litt das Land unter hoher Inflation, hohen Zinssätzen und den enormen Kosten der Schuldentilgung, wodurch sowohl die Stabilität der Staatsfinanzen, als auch der Lebensstandard jedes einzelnen Italieners bedroht war. Nachdem den italienischen Behörden die direkte Kontrolle über Wechselkurse und Zinssätze entzogen war, gab es auch keine hohe Inflation und keine hohen Zinssätze mehr.

Daraus ist nicht unbedingt abzuleiten, dass die italienischen Behörden besonders stümperhaft oder unfähig sind. Vielmehr bedeutet es, dass die Regelwerke der europäischen Finanz- und Fiskalpolitik vor der WWU den Anforderungen eines höchst beweglichen Kapitalmarktes, wie er sich in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt hatte, nicht mehr gewachsen waren.

Der Euro bietet indes auch interessante Einblicke in die politische Dynamik ökonomischer Reformen: Befürworter und Gegner des Euro waren nie in der Lage, sich jeweils zu einer konsistenten Gruppe mit einheitlichem Meinungsprofil zusammenzuschließen, da sowohl der wirtschaftliche Nutzen als auch die Kosten des Euro vage sind.

Widerstand gegen die notwendigen Reformen zur Einführung des Euro kam vor allem aus dem Bereich der öffentlichen Finanzen und wurde durch Vorgabe eines exakten, stufenweise auszuführenden Fahrplanes und klarer Strafen bei Nichteinhaltung von Fristen überwunden. Aus der Perspektive der Finanzmärkte war dieser Fahrplan riskant, zur Überwindung politischer Hürden erwies er sich jedoch als sehr brauchbar.

In Ländern wie Griechenland, Finnland, Italien und Portugal lief eine gemeinsame Währung den Interessen einiger Industrieller zuwider, die es gewohnt waren, die Abwertung der nationalen Währung als Alternative zu besseren, aber auch härteren Maßnahmen zur Aufrechterhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu sehen.

Politisches Erwachen

Der Euro traf aber auch solche Politiker schwer, für die Inflation eine durchaus attraktive Form der Besteuerung war, weil sie keines parlamentarischen Votums bedarf. Durch den Euro erhöhte sich der Preis für eine derart bequeme Politik: Man riskierte damit fortan nicht mehr nur eine höhere Inflationsrate, sondern de facto den Ausschluss vom Europäischen Binnenmarkt.

Clevere Politiker erkannten, dass sich das Gleichgewicht von politischen Kosten und Nutzen dramatisch verändert hatte und legten umgehend eine andere Gangart ein. Griechenland ist wohl das beste Beispiel dafür. Über zwei Jahrzehnte lebte Griechenland von Geld aus Brüssel, das für hohe Beamtengehälter vergeudet wurde, obwohl die Wirtschaft nur ein geringes Wachstum und hohe Inflation aufwies. Mit der Drohung eines Ausschlusses aus dem Binnenmarkt war es in weniger als zwei Jahren möglich, die Politik der Regierung in Athen völlig umzukrempeln.

Die Tatsache, dass der Euro Teil eines viel umfangreicheren ökonomischen und politischen Integrationsprozesses ist, hilft auch zu verstehen, warum einseitige Experimente mit Variationen derselben Idee, wie etwa Argentiniens Currency Board, ein völlig anderes Schicksal erlitten.

Ein wesentlicher Faktor für den Reformprozess in Europa war eindeutig die Festlegung von Fristen, die es nun einmal an sich haben, abzulaufen. Und sobald das der Fall ist, gibt es auch keinen Druck mehr. Es ist daher auch völlig klar, dass mit dem Erreichen der WWU die enorme Veränderungsdynamik in ganz Europa stark nachgelassen hat.

Tatsächlich ist es ja der so genannte Wohlfahrtsstaat, der eigentlich die materiellen Grundlagen und das Wohlergehen unserer Kinder gefährdet. Arbeitsgesetze und Verordnungen sind dafür verantwortlich, dass Millionen Arbeitssuchende keinen Job bekommen. Unzählige Bereiche, vom Autohändler bis zum Zahnarzt, sind vom Wettbewerb abgekoppelt. Dies hat zur Folge, dass beträchtliche Summen von der Gesamtheit der Konsumenten auf kleine, vom Gesetz geschützte Gruppen transferiert werden und, was noch schwerer wiegt, die ganze Wirtschaft unter chronischer Sklerose leidet. Nach Einführung des Euro werden die Reformbemühungen in diesen Bereichen sicher wieder auf die altbekannten Schwierigkeiten stoßen.

Großartige Zukunft

Diese Probleme ändern aber nichts an unserer Überzeugung, dass die Währungsumstellung große Fortschritte gebracht hat und auch fabelhaft durchgeführt wurde. Die Vorteile des Euro gehen ja weit über das Ökonomische hinaus: Der Euro macht deutlich, dass jahrhundertealte Rivalitäten zwischen Staaten überwunden werden können, indem man Grenzen öffnet und den Bürgern ermöglicht, Geschäfte mit den Nachbarn zu machen. Eine gesunde Wirtschaft wird die Basis einer stabilen und freien Gesellschaft in Europa sein und schließlich auch zu stabilen politischen Verhältnissen auf dem ganzen Kontinent führen, einschließlich der post-kommunistischen Staaten, die gerade ihren Beitritt zur Union vorbereiten. Der Rest der Welt sollte Notiz davon nehmen. (Project Syndicate, DER STANDARD, Printausgabe 4.1.2002)

Francesco Giavazzi ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Bocconi Universität in Mailand; Alberto Giovannini ist Generaldirektor bei Unifortune S.p.A., einem Finanzkonzern, der die EU-Kommission seit 1996 insbesondere in Euro-Fragen berät.
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