Strom hat also doch ein Mascherl - von Conrad Seidl

3. Jänner 2002, 20:05
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Die Österreicher leben mit Atomstrom, aber sie tun persönlich nichts dagegen

Große, große Überraschung: In Österreichs Stromnetz fließt ganz, ganz böser Atomstrom. Das hätte zwar jeder, der seine Stromrechnung genauer anschaut, schon bisher wissen müssen, weil die Stromversorger gesetzlich verpflichtet sind, den Atomstromanteil in ihrem Energiemix auszuweisen.

Aber wenn sonst gerade nicht viel los ist, kann man sich über die Tatsache schön ereifern. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass jetzt zum nicht ganz so bösen, weil immerhin aus EU-Mitgliedsländern stammenden französischen und deutschen Atomstrom auch noch böser, ziemlich uneuropäischer Atomstrom ins österreichische Netz kommen wird. Und das alles, weil der Wirtschaftsminister nicht einsehen will, dass wir Österreicher Atomstrom nicht mögen, und unverantwortlicherweise das unterschreibt, was er nach EU-Regelungen eben unterschreiben muss: die Unbedenklichkeitserklärung für Strom aus Bohunice, Mochovce und Krsko.

Die Rücktrittsforderungen sind schon unterwegs. Übrigens nicht erst seit gestern. Denn natürlich sind den AKW-Gegnern alle die am Donnerstag hochgekochten Argumente längst bekannt, und die Protestnoten sind schon vor Wochen formuliert (aber wegen Afghanistan, Temelín, Ortstafeln und ein paar anderer Neuigkeiten nicht so recht in der Öffentlichkeit bemerkt) worden.

Mit kühlerem Kopf betrachtet: In Österreich bildet sich langsam so etwas wie ein Markt heraus, auch auf dem lange Zeit durch Reglementierung und politische Einflussnahme fehlgeleiteten Energiemarkt.

Immer mehr Österreicher lernen, dass das, was ihnen Physiklehrer und Energiepolitiker jahrelang eingebläut haben, nicht stimmen kann: "Strom hat kein Mascherl." Blödsinn. Wer ein bisschen Ahnung von Marketing hat, der weiß, dass der eigentliche Mehrwert nicht in der Produktion, sondern bei der Markenbildung geschaffen wird: "Ich glaube, Strom ist gelb", haben wir vom Kölner (Atom-) Stromanbieter Yello und seinen Erfolgen bei preisbewussten deutschen Kleinverbrauchern gelernt. Strom hat also doch ein Mascherl.

Manche schauen eben darauf. Der deutsche Anbieter E.ON zum Beispiel, der sich im Vorjahr Rechte an österreichischem Strom aus Wasserkraft gesichert hat.

Andere nicht. Und das betrifft immer noch den Großteil der österreichischen Konsumenten: Die regen sich zwar gerne über Atomkraftwerke in unserer Nachbarschaft auf - aber welchen Strom sie beziehen, ist ihnen im Großen und Ganzen egal. Sie wechseln ja nicht einmal unter massivem Werbedruck und nach Vorlage von Berechnungen über mögliche Ersparnisse den Stromanbieter. Sie kaufen mehrheitlich (ökonomisch unsinnig, weil zu teuer) weiterhin bei ihrem bisherigen, seit Jahren vertrauten Anbieter.

Wer aufpasst, könnte ein fernes Echo der Diskussion um Zwentendorf hören, als frühe Vertreter der Grün-Bewegung vorgerechnet haben, dass Atomstrom nur deshalb so billig ist, weil bei Atomkraftwerken weder die Endlagerungskosten noch allfällige GAU-Risiken einberechnet werden. Aber diese Argumente, die in der deutschen Diskussion allgegenwärtig sind, werden in Österreich kaum wahrgenommen.

Hier geht es simpler zu. Wir sind aus Prinzip gegen Atomkraft. Und dieses Prinzip ist so edel und gut, dass wir uns ansonsten nicht viel um die Energiepolitik zu scheren brauchen. Dieses Prinzip verleitet viele, schon jetzt für das am 14. Jänner startende Temelín-Volksbegehren den Bleistift zu spitzen.

Dabei gäbe es etwas viel Wirksameres gegen die Atomkraft zu tun: den Wechsel zu einem Ökostromanbieter, dessen Angebot (zumindest rechnerisch) nur aus erneuerbarer Energie stammt. Aber dazu müsste man sich eben erst aufraffen. Das würde ganz konkretes Engagement bedeuten. Und es würde mehr kosten. Dafür sind die meisten Österreicher zu bequem: Ein bisserl Aufregen über Atomstromimporte, das muss für sie reichen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2002)
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