Bericht eines Special-Forces-Chefs: Wie Karsai zum Sieg kam

4. Jänner 2002, 10:46
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"Die andere Seite des Monds"

Washington/Wien - Als die elf Soldaten der Special Forces in einer Oktobernacht in einem Tal, tief im Gebiet der Taliban in Zentralafghanistan, landeten, fanden sie sich in einer anderen Welt wieder. Es sah aus "wie die andere Seite des Monds", erinnerte sich Jason Amerine, Hauptmann der 5. Special-Forces-Einheit aus Fort Campbell im US-Bundesstaat Kentucky, dessen Bericht - den ersten eines amerikanischen Elitesoldaten in Afghanistan - die Washington Post aufgezeichnet hat.

Gleich nach der Landung kam irgendwo aus der Dunkelheit Hamid Karsai hervor, der heutige Regierungschef Afghanistans, dem die US-Streitkräfte zusammen mit seinen Truppen in den folgenden sechs Wochen zum Sieg verhelfen sollten. "Unsere Aufgabe war es, mit Hamid Karsai zusammenzuarbeiten, der zu jener Zeit noch eine Art ,wild card' war", erzählte Amerine. "Er war unsere größte Hoffnung auf einen guten Paschtunenführer, der das Volk zusammenführen, Legitimität und einen Regierungswechsel bringen könnte." Amerines Männer steuerten die Angriffe der US-Bomber gegen Stellungen der Taliban. Karsais Truppe marschierte unterdessen auf Kandahar zu und wuchs täglich mit dem Zustrom von Freiwilligen. Der US-Hauptmann verbrachte ganze Tage mit Teetrinken und Verhandeln mit anderen Stammeschefs. Am Ende wurde Amerine durch "friendly fire" der US-Luftwaffe verletzt. "Die Bombe kam aus heiterem Himmel und nagelte uns nieder." Vierzig Taliban-Gegner und drei US-Soldaten starben, Karsai kam mit einer Schnittwunde im Gesicht davon.


Entscheidungsschlacht

Die angeblich entscheidende Schlacht gegen das Talibanregime in Afghanistan aber soll ebenfalls von Karsai und der Special-Forces-Einheit von Amerine geführt worden sein. "Es war leicht", sagt im Rückblick Malim Rahmadullah, der neue Gouverneur der Provinz Uruzgan, "sie flüchteten. Sie wussten, dass sie nicht gegen Amerika kämpfen sollten."

Karsai hatte Amerines Aufmerksamkeit von Anfang an auf die Stadt Tarin Kot gelenkt, einer Hochburg der Taliban in einer Wüstenebene von Uruzgan und in 200 Kilometer Luftlinie von Kandahar. Alle Taliban-Kommandeure sollen aus dieser Stadt stammen. Karsai zettelte über Satellitentelefon einen Aufstand in Tarin Kot an und fuhr am 17. November ohne Hindernis mit den Amerikanern in die Stadt. Doch noch in der Nacht kehrten die Taliban zurück. An die 1000 Soldaten auf rund 100 Pick-ups fuhren geradewegs in einen Hinterhalt: Die Special Forces markierten die Ziele, und die US-Streitkräfte bombardierten den Konvoi. "An diesem Tag brachen wir den Taliban das Genick", sagte Amerine. (mab, DER STANDARD, Print vom 4.1.2002)

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