Gesund um weniger Geld

3. Jänner 2002, 19:57
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Krankenkassen stöhnen unter den hohen Gesundheitskosten - Patienten wären zu höheren Beiträgen bereit

Die Diskussion über die Finanzierung des Gesundheitssystems nimmt den gewohnten Lauf: "Keine Leistungskürzungen" sagt die Mehrheit laut einer OGM-Umfrage im Auftrag der Ärztekammer. Gleichzeitig seien für die meisten Wiener höhere Beiträge vorstellbar.

Dabei gäbe es einen dritten, wissenschaftlich abgesicherten Weg, der Geld brächte: eine Strukturreform plus Ausmisten unnötiger Leistungen.

Nicht, dass Österreich unter Überversorgung leidet. Mit 16,1 Milliarden Euro (222 Mrd. S) oder 8,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lagen wir 1999 unter den OECD-Ländern mit dem geringsten Aufwand. Den höchsten hatten die USA mit 12,9 und Deutschland mit 10,4 Prozent. Aber die Diskussion um höhere Beiträge verstummt nicht. Daher weisen nun Experten auf überflüssige Kostenfaktoren hin. Michaela Moritz vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) etwa ortet "ein Rationalisierungspotenzial bei Leistungen, ohne dass Patienten Schaden leiden. Nicht alles Erbrachte ist sinnvoll."

Internationale Studien

Im Gegenteil: Internationale Studien zeigen, dass viele Spitalsbetten zu unnötigen Operationen führen. "Selbstverständlich haben wir zu viele Krankenhäuser", weiß Moritz. Auch die Gesundheitsökonomin Maria M. Hofmarcher vom Institut für Höhere Studien (IHS) konstatiert einen "Kapazitätsüberhang bei Betten und Standorten". Die Aufnahmerate der Spitäler beträgt in Österreich 27,7 Prozent (EU: 18,1). Auch bei den Ausgaben für die Krankenhausversorgung liegt Österreich um zehn Prozent über dem EU-Schnitt.

Kosten, die für eine großzügige Versorgung mit nicht immer sinnvoller Apparatemedizin aufgewandt werden. Einer aktuellen Studie zufolge, die Hofmarcher mit ihrer Kollegin Monika Riedel verfasst hat, ist "Österreich si- cher sehr gut ausgestattet": 8,4 Magnetresonanztomographen pro eine Million Einwohner gegenüber 4,7 im EU-Schnitt; 25,7 Computertomographen gegenüber 12,5 in der Union. Die Studie spricht von "überdurchschnittlicher, wenn nicht sogar großzügiger Versorgung mit medizinischer Spitzentechnologie".

Aber Hofmarcher sieht darin auch "ein Qualitätssignal: Jeder Österreicher hat ziemlich leicht Zugang zu hochqualitativer Versorgung." Sie sieht die Gefahr "anbieterinduzierter Versorgung", dass nämlich unausgelastete Geräte Ärzte verführen, "unnötige" kostspielige CT-Bilder zu machen. Aber entsprechende Planung könne das regulieren. Weiteres kaum genutztes Sparpotenzial: Medikamente. Österreich liegt hier nach ÖBIG-Zahlen an der europäischen Spitze mit Deutschland, Belgien und Frankreich. Daher wurden in einem Pilotprojekt Generika forciert. Das sind Nachbauten von Pharmaka mit abgelaufenem Patent. Ergebnis: Die Sozialversicherung könnte bei einem Anteil von einem Drittel aller Rezepte "mittelfristig jährliche Einsparungen von 72,67 Millionen Euro erzielen".

Bei dem Projekt zeigten sich aber seitens der Patienten Akzeptanzprobleme für Generika. Auch eine Flurbereinigung bei Krankenhäusern stößt auf Skepsis. ÖBIG-Chefin Moritz versteht im STANDARD-Gespräch die Sorge einzelner Regionen, sie würden bei Spitalsschließungen, "depriviert", um den "einzigen potenten Arbeitgeber" gebracht. In einer Gesellschaft, "die in Fitness und Gesundheit besonders bedeutende Faktoren sieht", müsse man derlei Reformen erst erarbeiten.

(DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2002)
Krankenkassen stöhnen unter den hohen Gesundheitskosten. Experten kritisieren ineffiziente Strukturen. Patienten wären zu höheren Beiträgen bereit. Ein Überblick von Lisa Nimmervoll und Roland Schönbauer.
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