Regen in Litschau

16. Jänner 2002, 15:59
posten

Fährt man mit dem Auto von Graz nach Litschau, so braucht man gute vier Stunden.

Litschau liegt so sehr im nördlichsten Zipfel Österreichs, dass sich das Nachbarland schon überall exotisch hereinfärbt. Umso verrückter war es, für nur drei Tage so weit zu fahren. Es war eine Flucht, beide wussten es, keiner sprach es aus. Sie bestimmt nicht — die Magie der Sprache — verrückt wurde doch alles erst, wenn man es als solches bezeichnete.

Und die Angst, die im Raum schwebte seit diesem unglückseligen Anruf, konnte nur dadurch eingedämmt werden, dass jeder ein paar Brocken Angst für sich einsperrte. Wenn sie nur eine überschaubare Dosis Angst zu verwalten hatte, schaffte sie es, sich nicht ständig gehenzulassen. Bloß dem Baby kein Kindheitstrauma einer fortwährend heulenden Mutter anhängen, dem Baby, das da hinten im Auto saß und spuckte und sabberte, weil es an seinem zweiten Zahn arbeitete.

Dabei war es völlig egal, was sie tat, sie pflanzte dem Baby ihre Angst sowieso mit der Muttermilch ein — über die Hormone — schon deshalb mußte sie all dem ein Ende machen. "Was ist denn, Benni? Hallo! Süßer kleiner Kerl, bald sind wir da". Wie er mit den kleinen Ärmchen fuchtelte und mit seinen Beinchen unermüdlich strampelte, als gelte es einen Wettkampf zu gewinnen — zack zack, zack zack — kleiner Breakdancer, wenn der wüsste, wie es um sie stand.

All ihr Geturtel, ihre Gesten waren die Fassade des normalen Lebens, hinter der zu nah, viel zu nah der Tod stand und ohne Anstrengung mit seinen knochigen Gliedern durch die bröckeligen Mauerstellen griff. Sie mußte Simon dazu bringen stehenzubleiben und sie ans Steuer zu lassen, da sie sonst die vorbeiflitzenden Bäume mitzureißen drohten. Nach Wien der Wein, das Baby nuckelte gierig an seinem Sicherheitsgurt, dann die Kartoffelfelder, umgrenzt von Alleen, die sie während der Fahrt hinauslockten, schon kreisten die Gedanken ganz nah an der Türklinke, kletteten sich an das schimmernde Metall, die Verzweiflung, das Baby. „Rettet mich!“

Sie blieben stehen und wechselten die Sitze, nachdem er sie flüchtig in den Arm genommen und sie das Baby gestillt hatte und nachdem sie ein paar Worte gewechselt hatten, wenige nur, die meisten richteten sich an das Baby, waren dort am sichersten aufgehoben an diesen Tagen, die sie völlig aus dem Gleichgewicht gehoben hatten. Sie fühlte sich am Steuer wohler — gebündelte Konzentration verschmolzen mit intimen Gedanken, legitimiertes Für-Sich-Sein. Niemals würde sie die beiden in den Tod fahren — "Nimm uns mit", hatte er gesagt, als er ihre Panik spürte, warum nur, er war doch ein Vernunftmensch, er durfte so etwas nicht sagen — in einer Familie durfte immer nur höchstens einer durchdrehen, und das war im Moment sie.

Je weiter sie sich von Graz und von den komplizierten Aktualitäten ihres umständlichen Lebens entfernten, desto klarer erschienen die Konturen ihres tatsächlichen Lebens, des Lebens schlechthin — Herzschlag, Atem, der Hunger des Babys, und der des Mannes; und ihr Hunger nach Leben regte sich allmählich wieder, trotz der gemeinen Krankheit, die sie durch den Tod selbst austricksen wollte — "ätsch, ich war schneller", ein bloßes Kinderspiel wie damals mit ihrer Schwester — die lange alte Holztreppe ihrer Kindheit mit dem durch die Zeit polierten Geländer, das sie jedesmal genussvoll hinuntersauste, während ihre kleine Schwester die Stufen nahm und stets nach ihr ankam und sich jedesmal ärgerte, während sie triumphierte — dabei gab es nichts zu holen, im Gegenteil.

Die Ortschaften sprangen ihr immer klarer entgegen: Horn, Eisengarn — die kleinste Probstei Österreichs, Eggern und schließlich Litschau in Wolken, im Nebel. Von Horn weg musste das Baby intensivst betreut werden. So viele Tricks hatten sie schon verpufft, und oft wirkte gar nichts mehr, nur die Wärme und trügerische Sicherheit ihrer Brust, das machte ihr Angst. So kurz waren die Abstände zwischen den Stillzeiten, dass sie ein Netz bildeten, das sie in ihren ständigen Tiefgängen immer wieder auffing. Doch manchmal zwängte sich der Schmerz sogar durch die Maschen hindurch.

Sie hatten seit Horn nichts mehr miteinander gesprochen. Das Baby? Das Gewicht einzelner Worte, das sich mit jeder Minute des Schweigens noch erhöhte? Doch angekommen, wurden sie fast fröhlich, ihnen zu Füßen der Herrensee, das Zimmer heimelig mit urigen Holzmöbeln und rotweißkarierten Vorhängen zur Bettwäsche passend. Ihn zu bitten, jetzt nicht laufen zu gehen, wäre absurd gewesen — eine Runde um den See dauerte bloß eine Stunde. Aber das Baby schlief und drückte ihr mit seinem überirdischen Engelsgesichtchen das Herz ab. Göttliches Wesen!

Wie er ihr fehlen würde in der finsteren Welt, in die sie doch gehen musste, springen musste, um der langsamen Zersetzung zu entrinnen — und diese Ohnmacht über all die vielen noch nicht vollbrachten Taten und noch nicht gesagten Worte — sie würde ein Albatross werden, sie konnte an sonst nichts glauben, nicht mehr, was sollte ihr Kleiner denn mit ihrer Seele oder all dem Quatsch anfangen? Woran sollte er seine Sehnsucht festmachen, wie dieses Vakuum füllen, wenn er einmal groß genug war zu fragen? Vielleicht sollte sie ihm die Geschichte mit dem Albatross noch schnell aufschreiben, damit Simon sie ihm vorlesen konnte, wenn er Trost brauchte.

Sie küsste ihn, ganz sachte nur, und noch einmal, bevor sie die Geschichte aufschreiben und dann leise gehen würde ... Doch da schlug das kleine Wesen die riesigen Augen auf, wie nur Babies ihre Augen aufschlagen können, unendlich weit, erwartungsvoll, vorwurfsvoll, kompromisslos. Wieder hatte Benni ihr Leben verlängert, doch wozu, wozu, wenn ihr Körper doch nicht mehr wollte. Der Gedanke, das Leben in diesem kleinen Wesen nicht mehr fühlen zu können, sein hoffnungsvolles In-die-Welt-Hineingedeihen, jeden Tag einen Laut mehr, und dann gerade als Simon erhitzt zur Tür herinkam die Nachricht im Radio von der Zerstörung des World Trade Centres und des Pentagon — einfach so, in den Tag hinein, während das Baby zum ersten mal laut lachte, und dann am nächsten Tag unweigerlich die Bilder — aus Hochhäusern springende Menschen — wenn der Lebenswille so groß ist, dass sie im Widerstand gegen den Tod selbst den Tod nicht scheuen — entsetzlichste, abscheulichste Gewalt, die die Entscheidung zum Leben zu einer Entscheidung zwischen zwei Todesarten mutiert.

Sie waren beide erstarrt — verzweifelte Beschämtheit ob ihrer Verzweiflung, der Kampf gegen den Tod erschien als Selbstverständlichkeit. Sie waren beide erstarrt. Sein vom Laufen verschwitztes Gesicht wie Tränen, oder die Tränen wie Schweiß? Stille. Nur das Baby stieß manchmal verdutzt einen Laut aus, um zu testen, ob alles noch so funktionierte wie sonst immer — am nächsten Tag würden die Zeitungen offiziell aussprechen, was sie beide dachten: nach den Attentaten des 11. September würde nichts wie früher sein — das Baby immer lauter, nach einem Echo suchend, dann fast verzweifelt, weil sie immer noch schwiegen und seine Lebenslust ignorierten — und jeder würde sich merken, wo er an diesem Schicksalstag gewesen war — dann laut weinend, den Bann der Stille mit seinen primären Lebensbedürfnissen überwindend, brachte er sie dazu, sich zu einer Wanderung um den See aufzumachen; obwohl es immer düsterer wurde und schon die ersten Regentropfen ihr Muster auf den Terrassenboden klatschten.

Alle drei empfanden die Belanglosigkeit des Regens, der immer heftiger wurde und mit langen, dünnen Schnüren die Erde mit dem Himmel verband. Ihre Schritte fühlten sich weich an auf dem feuchten Waldweg, und wie das Baby empfanden auch sie das gleichmäßige Quietschen und Knarren des Kinderwagens als beruhigend — willkommene akustische Vertrautheit, die die Wortlosigkeit heimelig machte. Der See lachte einladend. Immer wieder veränderten die Algen auf der Wasseroberfläche ihre grünschillernde Marmorierung, vermischten sich in den Buchten mit braunen Blättern und morschen Zweigen, um dann wieder ganz für sich ein neues Bild zu formen. Und wo das Wasser frei blieb, schob es der Wind zu kleinen glitzernden Plättchen zusammen, dort und da eine Entenfeder, ein paar letzte Boote, die zum Ufer flüchteten. Sie kamen auf die andere Seite des Sees, wo die Birken ihre elastischen Äste so kokett ins dunkle, von den konzentrischen Kreisen der Regentropfen belebte Wasser neigten, dass der Tod wie das Leben anmutete.

Sie spürte seine Nähe wie schon lange nicht mehr. Obwohl sie sich nicht einmal an den Händen hielten, wusste sie, dass ihre Gefühle sich innig umarmten. Das Baby war wieder eingeschlafen und ein Regentropfen hatte sich in seiner Wimper verfangen — Gott sei Dank nur ein Regentropfen, dachten sie beide, mussten sie gedacht haben, der Blick auf die geschlossenen, fast noch durchsichtigen Lider des Engelswesens und dann ihr gemeinsames Lächeln, wissend, hoffnungsvoll wie neu, weil schon verlorengeglaubt.

Allein um diesen Augenblick wäre es schade gewesen, hätte sie dem Sog nachgegeben, der sich angesichts der lebensschwangeren Stimmung immer mehr ins Absurde verdünnte. "Schau, hier sind Pilze, ganz schöne", die nassen roten Kappen glänzten verführerisch. Simon war etwas vorausgegangen, weil das Baby unruhig geworden war — sie musste lauter rufen — nein, Benni würde aufwachen — sie mußte laufen, ihn einholen — da sah er sie schon, blieb stehen, drehte vorsichtig den Wagen um, kam zu ihr zurück. "Schau nur, schau, wie viele es sind", und es war wie am Anfang ihrer Beziehung, ihr Herz pochte schnell und sie spürte plötzlich, dass sie noch Kraft hatte — nein, widerstandslos konnte und würde sie sich nicht ergeben. Vonwegen Krebs. Zum Sterben war immer noch Zeit genug, ja es war eigentlich wirklich das einzige im Leben, das man guten Gewissens bis zum Tod aufschieben konnte.

Der Wassertropfen hatte sich von der Wimper gelöst und benetzte die Wange des schlafenden Kindes, durchsichtige Fragilität des Lebens im bizarren Kontrast mit den Bildern, die ihnen von nun an entgegengeschleudert wurden. Die Welt hatte sich verändert seit dem Anschlag — Sensibilisierung gegenüber der Gewalt paart sich mit der Gewalt selbst — der Rucksack voller Pilze, die würden sie sich heute abend machen. Der Regen war stärker geworden, als wollte er ankämpfen gegen etwas, die Trockenheit der letzten Wochen, neues Leben aus der Erde locken.

Als sie am nächsten Morgen die Heimfahrt antraten, begleitete sie der Regen. Er ließ sich zunächst ein wenig Zeit und tröpfelte nur gemächlich hinter ihnen her, doch bei St. Pölten holte er sie ein, pochte heftig gegen ihr Auto, nahm ihnen die Sicht, Schrittempo, Stau, bis es ihm zu langsam ging und er vorauseilte nach Graz, wo die Straßen in der eben durchbrechenden Sonne dampften und glänzten, als sie endlich ankamen. Auch hier die Bilder des Grauens, die ihr von den Titelblättern sämtlicher Zeitungen entgegenstierten. Den Tod hatte sie nicht abschütteln können, doch entgegeneilen würde sie ihm nicht mehr.

Zu Hause würde sie die Jalousien so einstellen, dass der Regen, wenn er wieder kam, laut darauf klopfen und sie, solange sie lebte, an die verzeifelte Einmaligkeit des Lebens erinnern konnte.

Von Maria Löschnigg
Share if you care.