Die Stunde der Patrioten

4. Jänner 2002, 17:28
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"America: A Tribute To Heroes" etc.: Bedenkliches Umdenken im Pop

Mit Benefizkonzerten wie "America: a Tribute to Heroes" hat im Pop ein Umdenken eingesetzt. Wo es früher um fröhliche Anarchie ging, setzt man heute auf vermeintlich die freie Welt verteidigenden US-Patriotismus.

Eine bedenkliche Entwicklung, findet Christian Schachinger.


Wien - Eine historisch ziemlich gut abgesicherte Lebensweisheit besagt, dass arme Schweine sehr leicht auch Schweine sein können. Solange man daran nichts ändert, so lange ändert sich nichts. Fakt. Und dass Patriotismus die letzte Zuflucht der Schurken ist, daran gibt es auch schon seit Dr. Samuel Johnson im 18. Jahrhundert wenig zu rütteln. Gerade auch, wenn man ein Vierteljahr nach dem 11. September einmal kurz die Möglichkeit in Erwägung ziehen möchte, dass in New York eventuell doch nicht ausschließlich unsere westliche Kultur- und Wertegemeinschaft angegriffen worden ist, sondern vielleicht auch ein bestimmtes politisches System.

Öffentlicher Patriotismus geht im Westen unhinterfragt allerhöchstens noch in den USA durch - ohne in den Verdacht zu geraten, fahnenschwingenden Chauvinismus zu betreiben. Man stelle sich nur vor, was los wäre, wenn etwa Herbert Grönemeyer mit deutscher Flagge die Bühne entern würde.

Zwar haben die USA von Woody Guthrie bis herauf zu Michael Jacksons Weltheilungs- und Kinderrettungsliedern eine große pazifistische Tradition. Zwischen dem 11. September und America: A Tribute to Heroes, der wenige Tage danach auf die Beine gestellten US-Version von Licht ins Dunkel, und dem anschließend weltweit live übertragenen Concert for New York Mitte Oktober scheint aber hier ein Umdenken stattgefunden zu haben.

Im Westen ...

Das ist gerade auch am Beispiel von dumpfen Provinzrockern wie Bon Jovi aus New Jersey zu überprüfen. Innerhalb eines Monats wandelte sich die Band von friedlich, bei Tribute to Heroes ohne Publikum im Fernsehstudio Livin' on a Prayer trällernden Kuschelrockern live beim Concert for New York vor Tausenden grimmig dreinblickenden und zu allem entschlossenen New Yorker Cops und Feuerwehrleuten ("Osama, you can kiss my ass!") zu offensichtlich dem Pentagon gefälligen Politbarden. Das Star Spangled Banner wurde herausholt - und den arabischen Höllenfürsten wollte man allen Ernstes mit dem Gassenhauer Wanted: Dead or Alive das Fürchten lehren.

Gefühligkeit und Rachegelüste angesichts terroristischer Bedrohungen: schön und gut. Gerade Pop ist bei der Inszenierung von Gefühlen immer schon eine erste Adresse für die vom Elend der Welt Beladenen gewesen, die im stellvertretend formulierten Schmerz und auch der Wut Trost zu finden hoffen.

Allerdings muss man angesichts sich mittlerweile derselben Sprache wie die US-Regierung bedienender Künstler wie Bon Jovi, aber auch gefallener Pop-Engel wie Paul McCartney, von dessen "All you need is love!" bis zu "We will fight for the right to live in freedom!" es doch ein recht breiter Weg war, eines fragen, und man muss dies trotz des Reinerlöses von Dutzenden Millionen Dollar für die Angehörigen der Terroropfer von New York tun:

Kann es legitim sein, dass Künstler, die neben dem unverbrüchlichen Anspruch auf Selbstverwirklichung ("Die Freiheit nehm' ich mir!") traditionell auch Sex & Drugs & Rock'n'Roll auf ihre Fahnen und eben nicht das Star Spangled Banner geschrieben haben, kriegerische Aktionen damit mittelbar gutheißen?

Bis dato kannte der Pop vom Concert for Bangla Desh herauf bis zu We Are The World das Konzept der Mildtätigkeit angesichts des tatsächlich unsagbaren Elends in der Dritten Welt. Wem bei Tribute to Heroes und Concert for New York geholfen wird, mag auch (relativ) klar sein. Was damit befördert wird, außer hirnlosem Stars-'n'-Stripes-Geschwenke, allerdings weniger. New York ist und war nie ein Ort der Not. New York ist nicht Kabul. Wer singt für die dortigen ausgebombten Obdachlosen?

Dabei ist das Spektrum dieses in letzter Konsequenz vollkommen unreflektierten US-Patriotismus weit gefächert. Es reicht von Künstlern wie dem alten Hippie Neil Young, der als guter Mensch die anarchistische Friedensbotschaft Imagine von John Lennon anstimmt, über Bruce Springsteen bis zum Briten Paul McCartney, um jetzt einmal die vermeintlich an das Gute im Menschen glaubenden Künstler zusammenzudividieren. Von Celine Dion (God bless America!) bis zu Country-Outlaw Willie Nelson (America The Beautiful) ist es allerdings auf der anderen Seite nicht weit zu Kid Rock.

Der neue König des US-Proleten-Rock singt dann auch nicht für die Opfer der Terrorangriffe. Kid Rock macht lieber live den nachAfghanistan abkommandierten US-Soldaten im deutschen Ramstein sic Feuer unter dem Hintern. Mit seiner inoffiziellen Army-Hymne I'm an American Bad Ass wird hier Truppenbetreung geleistet, die die andere, die dunkle Seite des Stars-’n’-Stripes-Patriotismus abdeckt. Kid Rock fährt diesbezüglich auch im Video zu seiner aktuellen Single Forever schwere Geschütze auf.

... nichts Neues

Nicht nur, dass der Mann aus Detroit in ein Star Spangled Banner gehüllt ist, aufdem Rücken einen riesigen American Eagle tätowiert hat und zu Dosenbier, American-Stars-'n'-Stripes-Bikini-Girls und Gib-Gummi-Wettbewerben von feisten Harley-Davidson-Dosenbiertrinkern höhnisch den "Ugly American" gibt. Was in einem comicshaften Sinn durchaus auch dem europäischen Hörer Spaß macht. Sein Stammpublikum, das neben ihm und Eminem derzeit auch "christlichen" Rock der Marke Creed sozusagen als Rache der Provinz an den verkommenen Städten bevorzugt, dürfte so viel patriotisches Gehabe durchaus auch so lesen, wie er möglicherweise eben auch gemeint ist: Mir san mir. Wenn jemand dir blöd kommt, dann blase ihm den Schädel weg.

Ob jetzt allerdings Paul McCartney für die guten Menschen oder Kid Rock für die richtigen Männer singt: Ein Verdacht kann bei Benefizveranstaltungen nie ausgeräumt werden. Möglicherweise dient das ganze auch einem anderen Ziel, jenem der Selbstbeweihräucherung.

Der Westen wurde also angegriffen. Wer, wenn nicht Popstars, sind so westlich, dass es amerikanischer gar nicht mehr geht? Pop muss sich verteidigen. America: A Tribute to Heroes ist ab sofort im freien Handel erhältlich.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 1. 2002)

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