Gewerbe und Handwerk: 30.000 Jobs wackeln

3. Jänner 2002, 14:07
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Stimmung in den Betrieben am Tiefpunkt - Wirtschaftskammer urgiert steuerliche Anreize

Wien - Die Stimmung im heimischen Gewerbe-, Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe ist im vierten Quartal des vergangenen Jahres auf den tiefsten Wert seit 1995 gefallen. Wegen der anhaltend schlechten Stimmung gebe es bei den Betrieben "die Tendenz, den Mitarbeiterstrand kritisch zu überprüfen", warnte Georg Toifl, Obmann der Wirstchaftskammer-Sektion Gewerbe, Handwerk, Dienstleistung, am Donnerstag. Konkret könnten in den rund 85.000 österreichischen Betrieben des Sektors 5 Prozent des Personals durch verschiedene "Restrukturierungsmaßnahmen" abgebaut werden, als besonders gefährdet gelten "baunahe" Jobs.

Dies würde den Verlust von 30.000 Stellen bedeuten. Toifl forderte zusätzliche steuerpolitische Maßnahmen zur Belebung der Nachfrage - unter anderem auch die teilweise Wiedereinführung des im Zug der Budgetkonsolidierung gestrichenen Investitionsfreibetrags.

Stimmung auf Rekordtief

Ein Blick auf das vom Institut für Gewerbe- und Handelsforschung (IfGH) quartalsweise erhobene Stimmungsbarometer zeigt, dass im 4. Quartal 2001 die Stimmung auf einen langjährigen Tiefstand gerutscht ist: Gegenüber dem Endquartal 2000 ist der Stimmungsbarometer in den vergangenen drei Monaten um 23 Punkte gefallen. Der Index berechnet sich aus dem Saldo aus positiven und negativen Beurteilungen der Geschäftslage.

Besonders stark fiel der Rückgang in den Branchen Chemie/Kunststoff (- 48 Punkte) sowie Druck und Papier (- 33 Punkte) aus. Im letzten Quartal mussten auch die bisher relativ resistenten EDV-Dienstleister herbe Rückgänge hinnehmen. Leicht verbessert hat sich die Situation laut IfGH lediglich im Bereich "Werbung und Marktkommunikation", was auf die Werbemaßnahmen wegen der Euro-Einführung zurückgeführt wird. Negativ sind die Erwartungen auch für das laufende 1. Quartal 2002. Trotz Rückgängen noch relativ gut fallen die Erwartungen bei den konsumgüternahen Branchen aus: Hier halten sich positive und negative Erwartungen die Waage. Ein deutliches Übergewicht der Pessimisten gibt es dagegen bei den investitionsgüternahen Branchen.

Wirtschaftskammer fordert Maßnahmen

Um die Konjunktur zu beleben und den sich in den Personalplänen der Unternehmen abzeichnenden Arbeitsplatzabbau im Rahmen zu halten, forderte die Spitze der Wirtschaftskammersektion Maßnahmen der öffentlichen Hand: Zusätzlich zu den am letzten Konjunkturgipfel beschlossenen Maßnahmen solle es wieder Investitionsfreibeträge geben - etwa für die arbeitsintensiven Sanierungsmaßnahmen im Hochbau. Weiters urgierten Toifl und Sektionssyndikus Helmut Heindl Entlastungen bei der Unternehmensbesteuerung, etwa die Halbierung des Steuersatzes auf nicht entnommene Gewinne.

Öffentlicher Auftragsbestand am Tief

Als geradzu "feindlich" sieht Toifl die Vergabepolitik der öffentlichen Hand. "In den Ausschreibungen werden oft Dinge verlangt, die KMU nicht in der Lage sind zu erbringen. Als Beispiel führte Toifl die bundesweite Ausschreibung der Reinigungsarbeiten durch das Finanzministerium an. Verglichen mit 1994 hat sich der durchschnittliche öffentliche Auftragsbestand in Handwerks- und Gewerbebetrieben halbiert, hat das IfGH erhoben. Mit 1,3 Arbeitswochen habe der öffentliche Auftragsbestand im 4. Quartal 2002 ein "historisches Tief erreicht".

"Basel II"

Wenig Gutes erwarten sich die Gewerbe-Vertreter auch von dem "Basel II"-Abkommen, das ab 2005 die Kreditvergabe neu regeln soll. Dass die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ein besonderes Ausfallsrisiko für die Banken darstellten, stellt die Branche in Abrede. Argument: 2000 habe es bei knapp 2.600 Insolvenzen Passiva von 36,8 Mrd. S (2,7 Mrd. Euro) gegeben. Unternehmen mit einer Umsatzsumme von bis zu 10 Mill. S (727.000 Euro) seien dabei aber nur für 15 Prozent der Gesamtverbindlichkeiten verantwortlich. Es gebe klare Signale aus der Kreditsektion der Wirtschaftskammer, dass "Basel II"-Vorschriften - so wie sie heute diskutiert werden - die Kreditaufnahme schwieriger und teurer machen würden. Dies gelte in besonderem Maß auch für Unternehmensgründungen, unterstrich der Sektionsobmann.(APA)

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WKO
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