Wo Weitenjagd war, ist längst Quotenjagd

3. Jänner 2002, 11:16
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Bei der Vierschanzen-Tournee dominieren die TV-Sender und Vermarkter alles und fast jeden ...

Just manche Stars wollen sich dem Diktat nicht mehr total unterwerfen. Wie der Deutsche Sven Hannawald, der auf den Grand Slam losgeht, und Andreas Widhölzl.

Die junge Dame, die in Garmisch-Partenkirchen das Akkreditierungsbüro hütete, saß allein vor dem Fernseher, als das Neujahrsspringen in die entscheidende Phase ging - und schaute ORF. Nicht RTL, sondern ORF. "Ich bin", sagte sie, als hätte sie sich entschuldigen müssen, "gegen die Verjauchung Deutschlands. Und ich bin gegen die Werbeunterbrechungen."

Zwar wird auch im ORF unterbrochen, geworben aber nicht, stattdessen werden Interviews gemacht, und deshalb weiß die junge Akkreditierungsbürodame jetzt genau, was Andi Goldberger noch fehlt und warum Andi Widhölzl in Garmisch nur Zweiter geworden ist hinter dem Deutschen Sven Hannawald, der auf den Grand Slam losgehen will, am Freitag in Innsbruck und am Dreikönigstag in Bischofshofen.

Insgesamt ist Deutschland schon ziemlich verjaucht, man stelle sich nur vor, Barbara Stöckl würde Skispringen und Fußball kommentieren, na bitte. Aber RTL scheut eben weder Mühen noch Kosten, in Oberstdorf und Garmisch waren neben Jauch nur 229 andere RTL-Mitarbeiter mit bis zu 31 Kameras im Einsatz, jeweils 18.000 Meter Kamerakabel wurden verlegt, dazu 45.000 Meter sonstige Kabel. Zu Neujahr wurde eine so genannte "Cam-Cat" eingesetzt, ein Steilkamera-System, das den Springer vom Anlauf bis zur Landung mit bis zu 120 km/h begleitet. Der ORF hat vor geraumer Zeit ein ähnliches Projekt nach technischen Problemen auf Eis gelegt. Für Sven Hannawald spricht, dass er dem ORF in Garmisch ein rührendes Interview gegeben hat. "Ich hätte gar nichts dagegen, wenn auf den österreichischen Schanzen jetzt ein Österreicher gewinnt", sagte Hannawald.

Für ihn spricht aber auch, dass er sowohl in Oberstdorf wie auch in Garmisch die Qualifikation links liegen gelassen hat, gegen den ausdrücklichen Willen des österreichischen RTL-Informationsdirektors Hans Mahr. Der hatte sich schon vor einem Jahr beschwert, als Martin Schmitt die Garmisch-Quali ausgelassen hatte. "Alle sollten teilnehmen", sagt Mahr. "Das ist eine Verpflichtung gegenüber dem Publikum. Ein Michael Schumacher verzichtet schließlich auch nicht aufs Formel-1-Training."

Kurze und lange Sicht

Hannawald aber will sich ganz bewusst abgrenzen, so sehr er das Interesse von Medien, Sponsoren und Fans schätzt. "Meine Leistungsfähigkeit darf nicht leiden", sagt er. Der Tiroler Andreas Widhölzl, der von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel vermarktet wird, sieht es ähnlich. "Was nützt mir, kurzfristig gesehen, die Popularität, wenn ich langfristig mein Potenzial nicht mehr ausspielen kann?" Widhölzl meint, er müsse "nicht um jeden Preis Geld verdienen. Und an erster Stelle steht für mich sowieso, dass ich genug Zeit mit meiner Familie verbringen kann."

Indes sind kluge Köpfe im internationalen Skiverband (FIS) längst schon dabei, Modelle zu entwerfen, mit denen Skispringen noch besser vermarktet werden könnte. Paul Ganzenhuber, der Chef des Sprunglauf-Komitees, stellt die Überlegung an, das K.o.-System auszuweiten, schließlich könnte ein Springer an einem Tag problemlos "bis zu achtmal" über den Schanzentisch gehen. Dem FIS-Marketingchef Christian Knauth schwebt ein Tournee-Springen bei Flutlicht vor, es würde zur Primetime noch höhere Quoten bringen.

Die neue, von Zaha Hadid entworfene Anlage auf dem Bergisel könnte flutlichtmäßig nachgerüstet werden, davon redet aber noch niemand. Jetzt ist man froh, den Schanzenbau gerade noch rechtzeitig zu Ende gebracht zu haben. Morgen, Donnerstag, steigt die Qualifikation, am Freitag das dritte Tournee-Springen. Vor zwei Jahren hat Andreas Widhölzl als erster Tiroler in Innsbruck gewonnen, nun will er Hannawald einen Strich durch die Grand-Slam-Rechnung machen. Die Schanze, sagt er, könnte dafür wie geschaffen sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.1.2002)

Fritz Neumann aus Innsbruck
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