Die Un-Tracht

28. Februar 2002, 15:23
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Ennio Capasa, Designer des Mode-Labels Costume National, entwirft Kollektionen, die das Gegenteil jeglicher Kostümierung sind. Er mache nicht einmal Mode, sondern entwickle Perspektive.

Ennio Capasa ist die beste Reklame für sein Produkt. Das schwarze Sakko sitzt ebenso perfekt wie beiläufig auf den schmalen Schultern. So, als hätte sein Schneider vor der Arbeit mit einem Meister der Savile Row und Yohji Yamamoto einen Kaffee getrunken. Das Hemd hängt so ein bisschen. Die Hose sitzt auf der Hüfte, wie sich das heutzutage gehört. Die Frisur ist im Großen und Ganzen an ihrem Platz, wenn sich auch zuweilen eine schwarze Locke löst, um in einer halben Geste zurückgestrichen zu werden. "Ich entwickle einen Standpunkt, eine Perspektive, einen Stil, wenn man so will, aber keine Mode," betont Capasa. Und zwar so oft, dass man nur ja nicht auf den Gedanken kommt, zu fragen, was denn die nächste Saison hip sei, oder was halt Modemacher sonst noch an banalen Fragen gestellt bekommen.

Ennio Capasa ist 38, stammt aus dem süditalienischen Nest Lecce und ist der kreative Kopf des Modelabels Costume National. Das schreibt sich im Firmen-Logo in Großbuchstaben, mit Ausnahme des O in Costume. Damit es alle gleich merken, das die Message vom Nationalkostüm gebrochen ist. Man hat hier nicht irgendein Kleidungsstück à la mode vor sich. Geschweige denn ein Stück Tracht, wie der Name suggeriert. Ironie ist eine Äußerung, die das Gegenteil von dem meint, was sie ausspricht. Das wird hier aufs Schönste vorgeführt. Und etwas Witz, vor allem wenn er so elegant an den Mann und die Frau gebracht wird, kann die Modeszene wirklich brauchen.

Die CN-Kollektionen sind hauptsächlich schwarz und weiß, dazwischen etwas grau oder auch mal ein gedecktes Grün. Würde man nicht wissen, dass Costume National Saison für Saison in Mailand ersonnen wird, könnte man meinen, dass die lässigen Sakkos, die asymmetrischen Kleider, die geknoteten ballonartigen Leinen-Tops belgischer oder japanischer Provenienz wären. Ganz von ungefähr kommt dieser Eindruck auch nicht.

Nach dem Studium der Bildhauerei an der Accademia di belle arti Brera machte sich Capasa nach Japan auf, um dort vor den alten japanischen Tempeln zu sitzen und ihre eleganten Linien zu studieren. Diese Ästhetik weckte den Wunsch nach
mehr. Mehr neue Eindrücke, mehr Andersartigkeit, mehr Japan. Der Kontakt zu einem Freund, der seinerseits Kontakt zum japanischen Mode-Zampano Yohji Yamamoto hatte, gab ihm die Chance, seine Zeichnungen im Yamamoto-Hauptquarier zu zeigen. "Ich wurde an einen langen Tisch gebeten, dessen Seiten mit Yamamoto-Mitarbeitern flankiert waren. Der Meister selbst saß an der Stirnseite. Meine Zeichnungen wurden von Mitarbeiter zu Mitarbeiter gereicht, bis sie schließlich in Yamamotos Händen landeten. Niemand verzog eine Miene." Tags darauf wurde Capasa beschieden, dass man für ihn keine Verwendung hätte. Er erwiderte, dass er dennoch mitarbeiten wolle, wenn's sein müsste, auch gratis. Einen weiteren Tag darauf bekam er den Job.

Zweieinhalb Jahre lang arbeitete er bei Yamamoto. Danach blieb er ihm noch lange als freier Mitarbeiter und Freund verbunden. Die Freundschaft hat sich bis heute erhalten.

Die europäische Erdung hat Capasa - klassisch italienisch - von der Mamma. Diese betrieb in Lecce ein Modegeschäft und kaufte ein, was in den 70er-Jahren in Europa gut und teuer war, nämlich Yves Saint Laurent und Konsorten. Das schulte das Auge in Sachen Qualität.

Aus all diesen Zutaten das Label Costume National

zusammen zu brauen, fehlte noch etwas: Einer fürs Business. Der trat in Gestalt des Bruders auf den Plan, der bereits vor der Label-Gründung 1987 eine gute Karriere als Mode-Manager gemacht hatte. Beispielsweise war er das Business-Hirn für Romeo Gigli in den frühen 80er-Jahren, als dieser seine beste Zeit hatte.

Heute hat das Label eine der ungewöhnlichsten geschäftlichen Konstruktionen im gesamten Business. 15 Prozent der Anteile hält die Bank of England, der Rest ist in Familien-Händen. Als die großen Zwei der Branche, die Luxus-Konzerne LVMH und die Gucci-Gruppe mit ihren Staubsaugern durch die Lande zogen und alles aufkauften, was am Wege lag, blieb das verhältnismäßig kleine Costume National-Label standhaft wie ein gewisses gallisches Dorf. (Capasa: "Ich könnte allerdings viel reicher sein."). Die Produktion ist in Firmenbesitz. Und Ennio Capasa denkt nicht im entferntesten daran, Lizenzen zu vergeben, bei denen er nicht das designerische Sagen hat.

Das hält er auch so beim ersten Parfum, das unter dem schlichten Titel Scent demnächst auf den Markt kommt. Während die Entwicklung und Positionierung eines Dufts üblicherweise eine Sache ist, für die die Designer lediglich ihr Image liefern, aber keine eigene kreative Kraft investieren, hat Capasa hier den komplizierten Prozess nicht gescheut, den das Einbringen eigener Vorstellungen mit sich bringt.

Zusammen mit dem japanischen Kosmetik-Profi Kanebo unter Gründung einer gemeinsamen Vertriebs-Tochter und eines Parfumeurs wurde ein androgyner, warmer Duft entwickelt, der allerbeste Chancen hat, sich als moderner Klassiker zu etablieren. Sein Motiv? "Sie sind sicher schon einmal in einem Aufzug gefahren und konnten sich der invasiven, unintimen Düfte nicht erwehren!" Grund genug. Beim Flakon-Design hat der ehemalige Student der Bildhauerei selbst Hand angelegt.

Scent gehört ohne Zweifel in die Welt der weltgewandten Costume National-Lässigkeit, in der banaler Putz keinen Platz hat. Apropos banal: Welche weibliche Ikone hatte der junge Ennio Capasa im Kopf, als er anfing, sich professionell mit Mode zu beschäftigen? "Na gut. Monica Vitti. So weiblich und zugleich ein bisschen androgyn." Na also.

rondo/04/01/2002

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