Im Reich der 1000 Höfe

1. Juli 2005, 14:22
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Während die letzten Altstadtviertel vom Abriss bedroht sind, erleben andere Sehenswürdigkeiten in Peking eine Renaissance

"Hee, ihr da hinten, ja genau, euch meine ich! Traut euch doch, kommt näher. Oder wollt ihr vielleicht nur mit ein paar mickrigen Ansichtskarten zurückfahren in die Provinz? Häääh?" Nein! Das wollen sie nicht, die beiden schüchternen Landchinesen. Der Schmäh des Kundenkeilers vom Foto-als-Himmelsherrscher-Laden, der mitten im alten Pekinger Kaiserviertel so große Töne spuckt und dann verführerisch mit brokatenen Seidenmäntelchen herumfuchtelt, funktioniert fast immer.

Schließlich will jedes Landei ein Mal auch Kaiser von China sein, und jedes Bauernmädel ein bisschen Pekingoper-Diva. Soviel sollte schon drinnen sein, wenn man ein Mal im Leben die Reisfeldfurchen mit den Boulevards der wirklich großen Stadt vertauscht, und . . . Ach, ist das alles aufregend hier!

Zwei Minuten später ist die Verwandlung im Open-Air-Fotostudio vor der Verbotenen Stadt ziemlich geglückt. Rosarote Seidenröschen rascheln im Haar der Landschönheit. Der gepuderte Schimmel unter ihr verhält sich ruhig bis scheintot und kann über seinen Job als lebendes Requisit schon längst nicht mehr wiehern. Die ersten Polaroids sind im Kasten, die Posen am frisch lackierten Himmelsthron und in der Kaisersänften-Kulisse, gleich vorm großen Eingangstor Qianmen, bei Blende 4 verewigt.

Das Foto-Setting im historischen Outfit ist durchaus keine Einzelszene. Peking entdeckt dieser Tage die Liebe zur Tradition, und sei es nur als touristischer Pflichtstopp mit kommerziellem Hintergrund - wozu auch die Geschichte des neureichen Unternehmers Wang Yuming passt, der das wenige Meter vom Tiananmen Platz gelegene älteste Opernhaus Pekings vorm Abbruch rettete und von den Anrainern trotzdem kein bisschen geschätzt wird. Was weiters nicht verwundert: Immerhin verpasste Herr Yuming nach dem Ende der Restaurierungsarbeiten auch der Peking Oper selbst ein resolutes Facelifting, speckte die Dialoge ab und verpasste den Interpreten der traditionellen Stücke orangerote Pumucklfrisuren.

Bestand an Hutongs drastisch vermindert

Das Resultat: Die Alten im Viertel rümpfen die Nase, die Jungen hocken trotzdem lieber vor MTV. Bloß den Touristen gefällt's - und vielleicht auch jenen weit vorausblickenden Nachbarn, die sich dank solcher Aktionen den Fortbestand ihrer altstädtischen Viertel erhoffen. Für die Bewohner der 3000 Pekinger Hutongs - verschachtelte, altstädtische Mikrokosmen mit zahlreichen Sackgassen, viel Lokalkolorit und wenig Komfort - ist dies nämlich keine Selbstverständlichkeit. Mehr als zwei Drittel des historischen Baubestands wurden in den vergangenen Jahren geschliffen. In absehbarer Zeit sollen nur mehr einige Blöcke im Norden der Verbotenen Stadt übrig sein - als herausgeputzte Schaustücke für den Tourismus.

Unschätzbarer Verlust

Für viele Pekinger verbindet sich damit ein unersetzbarer Verlust: 700 Jahre lang waren es vor allem die Hutongs, die dem Schachbrett-artig angelegten, offiziellen Peking Intimität verliehen und die enorm weitläufige Stadt in unzählige kleine Rechtecke unterteilte - anheimelnde Nischen einer halböffentlichen Lebensweise, die der Kaiserhof nur gelegentlich mit Verordnungen behelligte. Jede Gasse müsse die Breite von zwei Wagen haben, lautet eines der nur vorübergehend befolgten Verdikte. Kein Haus höher als der Kaiserthron, ein anderes. Tausende andere ungeschriebene Gesetze regelten hingegen das Zusammenleben in den labyrinthischen Höfen und Gassen, die Fremde stets auf Distanz hielten.

Heute - und wohl auch angesichts der stadtplanerischen Chronik des angekündigten Verschwindens - verschaffen organisierte Fahrrad-Rikschatouren interessierten Besuchern Einblicke in das "Reich der tausend Höfe", etwa in den Hutongs rund um den Pekinger Qianhai-See. Unpassierbar für die dicken Autos der Neureichen, aber ideal für Marktfrauen, die in Holzbuden statt Coca-Cola noch die alte Jianlibao-Brause verkaufen, präsentieren sich diese letzten Viertel des "anderen Peking" im Rahmen solcher Spazierfahrten und -gänge. Blicke auf graue Steinmauern, rote Holzsäulen, und die Wipfel jener Hinterhof-Zypressen und -Pappeln, die die Pekinger den "heimlichen Wald" nennen, erhascht man dabei in jedem Fall.

Reine Poesie sind allein schon die Namen der Hutongs, die seit jeher als inoffizielles Gedächtnis der historischen Stadt gelten: hintere Trommelturmgasse etwa. Ein Roman mit spaltbreit geöffneten Holztüren, und alten Männern, die jeden Sonntag ihren Vogel spazieren tragen. Manche der kleinen Gässchen öffneten sich neugierigen Langnasen freilich auch ohne ortskundiger Führung. Im Idealfall laden sie dabei, so wie die ehemalige Silk Road des Dazhalan Hutong am Nordende der Qianmen-Straße, zum Einkaufsbummel zwischen Antiquitätenläden, Jahrhundertwende-Fassaden und revitalisierten Teehäusern ein.

Dass letztere heute ein Comeback feiern, zählt zu den erfreulicheren Nachrichten rund um das traditionelle Stadterbe. Begonnen hatte die lange, lange Sperrstunde mit Maos Machtübernahme, der in Pekings Teehäusern einen Nährboden der Konterrevolution erblickte, oder zumindest das beliebteste Wohnzimmer der Regimekritiker, die hier genauso spitz spotteten, wie die Wiener Kaffeehausliteraten in den besten Jugendstilzeiten: über den Kaiser von China, über westliche Kolonialherren und Opiumschieber, und zuletzt wohl auch über die radikalen Ideen der Kommunisten.

Ein rundes Dutzend dieser ehrwürdigen Institutionen wurde zuletzt wieder eröffnet, manche davon an politisch einschlägig vorbelasteten Plätzen und in feinster Rosenholz-Ausstattung: Der Teegarten des Sommerpalastes zählt dazu, oder das Yaotai-Teehaus im Taoranting Park über der Verbotenen Stadt. Im staatlichen Pekinger Lao She Teehaus werden Touristen zum duftenden Tässchen gar Akrobatik-Einlagen vorgeführt, während in urigeren Häusern wie dem Jingwei-Teehaus am Eingang zum Dhazalan Hutong lediglich um die Wette geraucht wird.

Notfalls sogar mit den Touristen, die sich vom nahen Tiananmen-Platz, jenem monströsesten Beispiel des "offiziellen" Peking, hierher verirren, und nun zu einem Schälchen Grüntee die menschlichen Details des Mega-Platzes Revue passieren lassen: Ein mutiges Pekinger Mädchen mit lichtblauen Haaren, das sich trotzig schlendernd in der gnadenlos friedlichen Weite des Tiananmen Platzes verlor, zählt dazu. Und ein Angriff von Düsenjets, die mit 6-Volt-Batterien und in Kopfhöhe an den Spielzeugbuden des nahen Qianmen Marktes kreisten - beruhigende Kleinigkeiten im Rahmen des üblichen Sightseeing-Programms, das abseits der Teehäuser und Hutongs mit großen kalten Gesten durchs Touristenbus-Fenster drängt.

Infos:

Fremdenverkehrsamt der VR China, Ilkenhanstr. 6, Frankfurt / Main, Tel. 0049 / 69 / 52 01 35, Fax 52 84 90.

Hutong-Hoteltipp: Lüsongyuan Hotel, Banchang Hutong 22, Tel. 0086 / 10 / 640 404 36, Fax 640 304 18. Das traditionelle kleine Hotel liegt mitten in einem typischen Pekinger Altstadt-Viertel.

Hutong-Touren veranstaltet die Beijing Tourist Agency, Tel. 0086 / 10 / 661 590 97, Fax 640 027 87. (DER STANDARD/Rondo/4. 12. 2001)

von Robert Haidinger
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