Die Herrschaft der Experten

2. Jänner 2002, 22:22
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Entweder wir haben einen oder wir brauchen einen: Warum gerade in Österreich und in den Donauländern die Expertengläubigkeit so stark ausgeprägt ist

Ein auffallendes Kennzeichen der derzeitigen österreichischen Innenpolitik ist, dass an bestimmten Stellen der öffentlichen Debatte ständig der Ruf nach "Experten" ertönt. Jüngstes Beispiel: der Streit um den Verfassungsgerichtshof. Dies im konkreten Fall als Ausdruck "machtpolitischen Zynismus" zu werten, mag zwar stimmen, erklärt das Phänomen aber nur halb. Interessant ist doch vor allem die Frage, warum dieser Ruf in Österreich so gut ankommt.

In der vor kurzem vorgelegten "Europäischen Wertestudie" wurden zur Erhellung dieses Sachverhalts zwei (in Österreich drei) Optionen abgefragt. Die erste lautete: "Wir sollten wieder einen starken Führer haben (in Österreich auch in der Variante: einen starken Mann), der sich nicht um Parlament und Wahlen zu kümmern braucht." Ergebnis: Mit 16% Zustimmung zur "Führer"-Variante (20% zu "starker Mann"), liegt Österreich im untersten Viertel der europäischen Länder. Allerdings besteht zwischen zwischen "starker Führer" und "strong leader" in der englischen Version (homme fort, capo forte, lider fuerte usw. in anderen Ländern), historisch bedingt, ein nicht unwesentlicher semantischer Unterschied. Und insofern sind die 16% (bei den Jugendlichen bis 20 Jahre deutlich mehr) doch erschreckend hoch.

Die zweite (bzw. dritte) Frage zielte auf eine andere und - wie sich zeigen sollte - gesellschaftlich hoch akzeptierte Möglichkeit, die Demokratie außer Kraft zu setzen: "Experten und nicht die Regierung sollen entscheiden, was für das Land das Beste ist." In Österreich wurde diese Alternative von 61% bejaht - im westeuropäischen Vergleich die höchste Zustimmungsquote, die auch noch von einigen Ländern aus Ost-Mittel-Europa unterschritten wurde (baltische Staaten, Ukraine, Russland).

Experten gelten offenbar als "allwissend". Dass es zu jeder so genannten "Sach"-Frage unterschiedliche Positionen gibt, wird in der Öffentlichkeit ebenso verdrängt wie die Frage nach der Verträglichkeit dieses seltsamen "Delegationsprinzips" für demokratische Entscheidungsabläufe.

Woher rührt nun diese Bereitschaft, Entscheidungen in einer zugegebenermaßen komplexen Welt aus der Sphäre von abwählbaren Volksvertreter/inne/n in den Bereich "grauer Eminenzen" zu verschieben? Eine zusammenfassende Analyse aller demokratiepolitischen Fragen unserer Studie zeigt, dass Österreich, was die Autoritätsgläubigkeit betrifft, in einer Gruppe von Staaten liegt, die alle historisch eng mit der Donaumonarchie verbunden sind (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, aber auch Deutschland-Ost).

Dabei fällt offenbar besonders ins Gewicht, dass Österreich das Land der unvollendeten Aufklärung und der erfolgreichen Gegenreformation war: Während sich in anderen europäischen Monarchien (vor allem den protestantisch geprägten) bereits die Aufklärung durchgesetzt hatte, war in Österreich der Kaiser immer noch "von Gottes Gnaden" legitimiert.

Dass der Ruf nach der "Obrigkeit" - wenn auch in "modernisierter" Form - immer noch so dominant ist, verheißt jedenfalls für die Zukunft nichts Gutes. Zumal weder die Tatsache selbst, noch ihre möglichen demokratiepolitischen Konsequenzen im öffentlichen Diskurs reflektiert wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 1. 2002)

Ein Kommentar der Anderen von Hermann Denz

Der Soziologe ist Ko-Autor der europäischen "Wertestudie" und Herausgeber des Buches "Die europäische Seele" (Czernin)
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