Doppelte Interessen in Kabul - von Markus Bernath

2. Jänner 2002, 19:24
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Die seit kaum mehr als zehn Tagen amtierende Übergangsregierung in Kabul hat den Westen schon über den Tisch gezogen: Die "Militärisch-technische Übereinkunft" zur Stationierung der UN-Schutztruppe für Afghanistan (Isaf), die der britische General John McColl im Namen der westlichen Regierungen aushandelte, ignoriert einen wesentlichen Teil des Petersberger Abkommens vom vergangenen Dezember. Denn bei der Afghanistan-Konferenz in Bonn hatten sich alle Parteien geeinigt, ihre Milizen aus Kabul und der Umgebung zurückzuziehen und die Hauptstadt der internationalen Schutztruppe zu überlassen. Es sollte verhindern, dass das Land in einen Bürgerkrieg einander bekämpfender Volksgruppen zurückfällt.

Der neue Kabul-Deal würde das Drehbuch ändern: Die Truppen der Nordallianz und ihres nunmehrigen Verteidigungsministers Mohammad Fahim bleiben einfach in der Hauptstadt - statt "out of the city", wie es im englischen Text des Abkommens heißen soll, nur "out of the streets". Ihre Aufgabe muss sich die UN-Schutztruppe mit der neuen Polizei von Innenminister Yunis Qanuni teilen. Doch auch von "gemeinsamen Polizeipatrouillen" war in Bonn keineswegs die Rede gewesen.

Für die Isaf hat sich die Arbeit beträchtlich kompliziert, noch bevor das Hauptkontingent überhaupt gelandet ist. Es ist dies die Folge verdeckter Interessen, die die Verhandlungen über die Organisation des neuen Afghanistan von Beginn an belastet haben: der Briten, die den US-Streitkräften den Rücken für militärische Operationen freihalten wollen; der Europäer, die mit ihrer massiven Beteiligung an der UN-Truppe eine Resteigenständigkeit in der internationalen Politik zu beweisen versuchen; der Nordallianz schließlich, die sich ihren Sieg über die Taliban nicht durch UN-Resolutionen verdünnen lassen will. (derstandard,print-ausgabe,3.1.2002)

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