Die österreichische Seele, neu betrachtet

4. Jänner 2002, 12:05
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Stephan Rudas: Österreich auf der Couch. Zur Befindlichkeit eines Landes

Meldet sich ein Deutscher zur Stelle, so sagt er üblicherweise: "Ich bin jetzt da." Ein Österreicher dagegen meldet seine Ankunft gerne mit "Ich wär' jetzt da." Es ist dieser "österreichische Konjunktiv" (zu dem auch das unbestimmte "man müsste" gehört), der vom Psychiater Stephan Rudas als vielleicht verbreitetstes Charakteristikum der österreichischen Mentalität identifiziert wird: "Es ist der sprachliche Ausdruck einer Haltung, die niemanden provozieren, sondern die Welt von der eigenen Harmlosigkeit überzeugen will."

Natürlich gibt es in diesem Buch auch ein bisschen Seelenkunde - inklusive des Bekenntnisses, dass es "eine österreichische ,Kollektivseele' oder ,Landesseele' im engeren Sinne" nicht gibt.

Aber das Hauptaugenmerk liegt auf der Mentalitätsgeschichte, darauf, wie die Österreicher (genauer: auffällig viele Österreicher) so geworden sind, wie sie eben sind. Rudas spürt die Wurzeln in der Barockzeit auf: bei der Rekatholisierung (als es wichtig war, sich äußerlich anzupassen, wobei es eben nicht ganz so wichtig war, was man privat wirklich glaubte) und bei der Pragmatischen Sanktion (mit der Karl VI. im Gegenzug zur Erbfolgeregelung auf Kolonien und damit auf die damalige Form der Weltöffnung verzichtete).

Rudas belegt mit Statistiken, dass Österreich entgegen seinem Image keineswegs besonders versoffen ist oder an der Spitze der Suizidstatistik läge - die Zahl der Selbsttötungen sinkt sogar im langjährigen Vergleich. Und doch sei an den Klischees viel Bedeutendes: Der betrunkene Frosch in der Fledermaus und der Donauwalzer gehören einfach dazu, damit "der Bürger sicher sein kann, dass das neue Jahr ,amtlich' eröffnet wurde". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Conrad Seidl)

Stephan Rudas: Österreich auf der Couch. Zur Befindlichkeit eines Landes Ueberreuter, Wien 2001 197 S.; 21,15 € (291 öS)
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