Singende Säge aus dem schönen Sydney

2. Jänner 2002, 19:05
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Paul Capsis unterhält im Schauspielhaus

Wien - Es war ein echt wilder, bunter und vor bestem Boulevard übersprühender Abend, passend zu Silvester. Das Schauspielhaus und alle Bühnen dieser Welt samt ihrer Stars und Sternchen schmolzen zu einem "Stück Show-Theater" zusammen - wie der Entertainer Paul Capsis aus Sydney sein Programm ironisch nennt.

Er kann alles, und er macht alles: ein Multitalent. Capsis singt von Billie Holliday bis Queen alles, was ihm in der Kehle kitzelt. Und er ist Pantomime, Clown, Steptänzer, Travestiekünstler, Rocker, Chansonier, Schamane, Zauberer, Mann, Frau, Kind. Aus ihm singen die Geister und Seelen verstorbener Diven, er erweckt sie alle zu neuem Leben. Seine Stimme ist so wandlungsfähig wie sein Typ. Vielleicht handelt es sich tatsächlich um eine multiple Persönlichkeit?

Das Problem seines zwischen Boulevard und Delirium changierenden Theaters ist indes, dass es einen überfordert, förmlich erschlägt und nie voll und ganz befriedigt. Lyrik, Soul, all die bekannten Jazztöne der 40er-Jahre werden in der Mitte "durchgeschnitten", verfremdet und so auf die Spitze getrieben, dass man sich niemals ganz zurücklehnen und amüsieren kann. Was man im Grunde bedauern möchte.

Capsis nimmt sich als Star nicht ernst. Dabei ist er ein Star, kein Zweifel. Genau darüber reißt Capsis den ganzen Abend lang seine Witze. Als könnte er sich nicht für die ganz große Karriere entscheiden, die ihm dann bevorstünde, würde er auf jegliche Parodie verzichten. Als hätte er Angst vor dem großen Durchbruch. Paul Capsis erlaubt sich immer nur die Brechung der vielfältigen Formen, erlaubt sich keine der großen narzisstischen Gesten, wie Stars sie nun einmal machen. Warum eigentlich nicht?

Besser als Robbie

Seine Stimme ist, nebenbei gesprochen, genauso gut oder schlecht wie die von Robbie Williams. Sein Showtalent groß genug, um die Carnegie Hall, die er in einem seiner Stücke auf die Schippe nimmt, zu füllen. Und: Paul Capsis hat ein herrlich einprägsames Gesicht. Er kann Mienen aufsetzen, die gruseln, verführen oder schmeicheln. Umgeben von Vollblutmusikern wie Geri Schuller, nicht nur in Wien bekannt als First-Class-Starpianist, oder von Roman Gottwald, der von Akkordeon über Geige bis zur singenden Säge alles mitspielt, was Capsis' Show erfordert, kann man ihm den Erfolg eines Superstars nur wünschen.

Mehr als Boulevard, mehr als ein bloßes Delirium, auch wenn das Abdrehen, Durchdrehen zum Konzept gehört.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 1. 2002)

Von
Katrin Mackowski

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