Ästhetik des Albtraumes

3. Jänner 2002, 20:10
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Kunst zum weitläufigen Thema "Angst" im Grazer Kunstverein

Graz - Den verminderten Kapazitäten entsprechend reduziert, ist die zusammen mit der Ursula-Blickle-Stiftung konzipierte, von Matthias Herrmann kuratierte Ausstellung Angst nun im Grazer Kunstverein zu sehen. Wo sie den eventuell klaustrophoben Besucher nicht überfordert, verknüpft die gleichwohl engmaschige Präsentation die verschiedenen Sichtweisen auf das weitläufige Thema.

Und wo sie ihn überfordert, darf sie sich zugute halten, als titelkonformes Metakunstwerk die Implementierung des Themas ganz unmittelbar zu leisten. Deutlich erfahrbar wird das im zweiten Raum, wo der Blick des Eintretenden durch das ihm in den Weg gestellte SM-taugliche Kettengitter von Monica Bonvicini auf Anna Meyers figurale Kleinformate fällt, welche, ihrer flotten Malweise angepasst, in lockeren Zusammenhängen über die Wände und im Raum verteilt sind.

Comicstripartig fügen sich bald die Bilder, auf denen die beiden in kalkuliert feministischer Attitüde listig grinsend posierenden Künstlerinnen durch eingeschriebene Begriffe als Fallenstellerinnen ausgewiesen sind oder angstbesetzte Umbruchsituationen in soziopolitischer Kontextierung nachgezeichnet werden.

Weit ungehinderter lässt sich der anschließende Raum begehen - freilich nur, um sich dabei in AA Bronsons konvex gebogenen Aluflächen zu spiegeln, deren Anordnung die Parole "Arbeit macht frei" abbildet. In solcher Umgebung wird das von Nayland Blake aus Lebkuchenschindeln gebaute Haus seiner lang gestreckten, barackenähnlichen Form halber nicht bloß an Hänsel und Gretels albtraumhafte Erfahrungen im Walde gemahnen.

Über die gesamte Schau verteilt sind Monica Bonvicinis aus einem Fahrzeug aufgenommene Filme, in welchen, von poppiger Autoradiomusik untermalt, amerikanische Vorstädte vorbeisausen. Das kommt Meyers sequenziell anmutenden Schnappschussmalereien entgegen. Die Filme selbst sind doppelbödig: Ein dumpfes Unbehagen mag einen überkommen, wenn das Fahrzeug ohne ersichtlichen Grund langsamer wird oder ganz stehen bleibt. Augenzwinkernd konterkariert Bonvicini solch empfindsame Sicht mit eindimensional verflachtem Geisterbahnhorror, mit viertelstündlich eingebauten, videospielartigen Showeffekten, wenn etwa der Bildschirm plötzlich ganz von Flammen überzogen wird.

Die Ironie mag freilich nicht mehr so recht klappen, wenn unter anderem im Hintergrund ein Hochhaus am Explodieren ist. "The revolution isn't over, it's just begun", liest man bei Verlassen der Ausstellung, gemalt von Anna Meyer, als Werbeplakat über westlicher Konsumrausch- Architektur.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 1. 2002)

Von
Ulrich Tragatschnig

Bis 3. 2.
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