Drohungen gegen Irans Reformer

3. Jänner 2002, 09:44
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Einbruch beim Journalistenverband

Zur Erinnerung an ihren Besuch ließen sie eine weiße Nelke vor dem Computer liegen. Alle Disketten und Unterlagen, auf denen die persönlichen Daten der Mitglieder des iranischen Journalistenverbandes gespeichert waren, sind bei einem Einbruch entwendet worden. Die Täter suchten nur nach diesen Unterlagen, und sie nahmen sich bei ihrem Einbruch vergangene Woche viel Zeit, wie der Sprecher des Verbandes, Karim Arghande Nour, meinte.

Die weiße Nelke zum Abschied, eine Blume, die man im Iran nur bei besonderen Anlässen schenkt, sollte wohl als Drohung zu verstehen sein: Der iranische Journalistenverband ist seit seiner Gründung vor fünf Jahren Ziel massiver Kritik der Konservativen. Im Parlament sitzen viele Verbandsmitglieder und gehören zu den radikalen Verfechtern der Reformen.


Abgeordneter inhaftiert

"Es ist nicht zufällig, dass gleichzeitig mit der Verhaftung der Parlamentarier die Unterlagen des Journalistenverbandes entwendet wurden", meinte Radjoabali Masroei, Parlamentsabgeordneter und Vorsitzender des Journalistenverbandes, bei einer Veranstaltung am Sonntag in der westiranischen Stadt Hamedan, wo die Freilassung des kürzlich zu einem Jahr Haft verurteilten Parlamentsabgeordneten Hossein Loghmanian verlangt wurde. Mehr als 3000 Menschen, überwiegend Lehrer und Studenten, demonstrierten anschließend in der Stadt. Der 40-jährige Hossein Loghmanian hat im Krieg ein Bein verloren und stammt aus einer armen Familie. Als Lehrer war er in Hamedan tätig, bevor er mit überwältigender Mehrheit ins Parlament gewählt wurde.


Kritik an der Justiz

Loghmanian ist zu einer Haftstrafe verurteilt worden, weil er in einer Rede in Hamedan die iranische Justiz mit Nazi-Gerichten verglich und den Justizchef Hashemi Shahrudi als einen Ausländer, der keine patriotischen Gefühle kenne, bezeichnete. Shahrudi ist im Irak geboren und erhielt erst später die iranische Staatsbürgerschaft. Nach Auffassung der Mehrheit der Abgeordneten im Parlament ist er aus diesem Grund nicht berechtigt, Justizchef zu sein.

Die Parlamentarier haben erfolglos in einem Brief an den religiösen Führer Khamenei um Unterstützung für die verurteilten Parlamentarier gebeten. 60 Parlamentarier wurden bis jetzt bei den Gerichten vorgeladen, drei sind mittlerweile wegen Kritik an der iranischen Justiz zu Haftstrafen verurteilt worden.

(DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2002)
STANDARD-Korrespondent Amir Loghmany aus Teheran
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