Der Mann, der die Kontinente verschob

2. Jänner 2002, 13:31
posten

Der geniale Geowissenschafter Alfred Wegener starb im ewigen Eis Grönlands

Frankfurt/Main - Die vierte Expedition sollte die letztebleiben. Drei Mal hatte Alfred Wegener das Abenteuer Grönlandüberlebt. Von der letzten Reise kehrte er nicht zurück. DerGeowissenschafter starb 1930 um seinen 50. Geburtstag herum im ewigenEis. Der gebürtige Berliner hinterließ Theorien über die Verschiebungder Kontinente, die damals kaum einer ernst nahm. Im deutschen "Jahrder Geowissenschaften" 2002, zu dem BundesforschungsministerinEdelgard Bulmahn und Forschungsorganisationen aufgerufen haben, istlängst klar: Wegener hatte Recht.

Als der Wissenschafter am 6. Jänner 1912 vor der SenckenbergischenNaturforschenden Gesellschaft in Frankfurt behauptete, die Kontinentewürden wandern, auseinander driften und zusammenstoßen, lachten dieKollegen. Ein halbes Jahrhundert später wurde seine Theorie derKontinentalverschiebung bewiesen. Heute gilt Wegener als Begründerder "Weltformel der Geowissenschaften". So kommt es, dass gut 90Jahre später, am 13. Jänner 2002, im Senckenberg-Museum ein Lobliedauf ihn gesungen werden wird - in genau dem selben Saal, in demWegener damals ausgebuht wurde.

Konsequent gedacht

Wegener (1880-1930) hatte nicht als erster bemerkt, dass dieKüstenlinien der Kontinente zusammenpassen wie die Teile einesPuzzles, aber er war der erste, der die Sache zu Ende dachte."Absolut revolutionär und sensationell" sei das damals gewesen, sagtProf. Wolfgang Franke (Universität Gießen), Vizepräsident der Alfred-Wegener-Stiftung zur Förderung der Geowissenschaften. Bis 1910 hatteWegener alles zusammengetragen, was seine These derKontinentalverschiebung stützte: gleiche Gesteinsformationen,ähnliche Pflanzenvorkommen, gleiche Tierarten.

Vor mehreren hundert Millionen Jahren, so der Kern der Idee,bildeten die Kontinente eine einzige Landmasse, die in einem einzigenriesigen Ozean schwamm. Dann brachen die Kontinente auseinander,bewegten sich auf einem fließfähigen Teil des Erdmantels. Seitherdriften die Landmassen auseinander und stoßen wieder zusammen, wobeisie Gebirge auftürmen. "Die Vorstellung, dass die Erde mobil ist, hatdie Köpfe geöffnet für alle möglichen Dinge", sagt Franke. "Wegenerhat eine Art Weltformel gefunden für fast alle Erscheinungen, die unsin der Geowissenschaft beschäftigen: Erdbeben, Vulkane,Gesteinsformationen, Tier- und Pflanzenvorkommen."

Der Beweis kam erst später

Einen Makel hatte die Theorie allerdings: Wegener wusste nicht,welche Kräfte die Kontinente auseinander driften lassen. Das klärtenerst seine Nachfolger und bewiesen damit Wegeners Ansatz. Entlanggroßer Bruchspalten drängt unter den Ozeanen Materie aus demErdmantel und erstarrt buckelförmig an der Oberfläche. Auf dieserschiefen Ebene gleitet die Erdkruste ab und schiebt dieKontinentalplatten vor sich her. Unter dem Namen "Plattentektonik"gehört Wegeners Ansatz heute zum Allgemeinwissen.

Dabei stand die Kontinentalverschiebung nicht einmal imMittelpunkt seiner Arbeit. Wegener war auch Meteorologe, Astronom,Geophysiker, Polarforscher und Ballonflug-Pionier. Er entwickelteMethoden, die Temperatur in höheren Luftschichten zu berechnen,erkundete, wie Windhosen oder Wolkenformationen entstehen. Er vertratdie Auffassung, Krater entstünden durch Meteoriteneinschläge. Mit demFesselballon überflog er Grönland, um die Küstenlinie aufzuzeichnen.Mit Propellerschlitten überquerte er es, um die Stärke der Eisdeckezu messen.

1980 wurde das Bremerhavener Institut für Polar- undMeeresforschung nach Alfred Wegener benannt. Es hat wissenschaftlicheProjekte in den Polregionen und forscht beispielsweise überKlimaveränderungen, Meeresverschmutzung und Erdölvorkommen. (APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.