Die Beinahe-Wiederkehr des Auerochsen

2. Jänner 2002, 13:02
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Europas Wildrind, das erst im 17. Jahrhundert ausgerottet wurde, wird "nachgezüchtet"

Erfurt - 1627 wurde der letzte echte Auerochse der Art Bos primigenius von Jägern getötet. Inzwei Zuchtstationen in Deutschland sollen die Tiere "wieder zum Lebenerweckt werden". Zoologen in der Nähe von Soest in Nordrhein-Westfalenund in der Nesse-Aue bei Erfurt versuchen, die Auerochsen mit Hilfeheutiger Tiere zurück zu züchten.

Natürlich kann es sich dabei niemals mehr um eigentliche Auerochsen handeln, da deren genetisches Material unwiederbringlich verloren ist. Durch solche "Rückzüchtungen" können jedoch immerhin Rinder geschaffen werden, die vor allem ihrem Aussehen nach Auerochsen entsprechen.

Schrittweise Annäherung

In der Nesse-Aue leben derzeit 20 Tiere auf einem Areal vonungefähr 35 Hektar. Der dunkelbraune Bulle und seine Kühe und Kälberbleiben bei jedem Wetter auf der Weide. "In spätestens zehn Jahrenwollen wir unser Zuchtziel erreicht haben", sagt Edgar Reisinger,Biologe der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Das Zielist Größe: Mehr als drei Meter lang wurden die Bullen der Urrinderund sie erreichten bis zu 1,80 Meter Schulterhöhe.

DieTiere in der Nesse-Aue bringen es immerhin schon auf 1,40 bis1,50 Meter. Dafür wurden die im 19. Jahrhundert gezüchteten "Heckrinder" mitRobustrinderrassen wie Chianina, Maremmana und Sayaguesa gekreuzt.Die ersten fünf Tiere bezog Thüringen aus den Niederlanden. Um diefehlenden Zentimeter kämpft neben den Thüringer Forschern einZuchtzentrum in der Lippe-Aue nahe Soest. "Auch der Kölner Zoo möchtesich wahrscheinlich in Zukunft an diesem Vorhaben beteiligen", hofftReisinger.

Ökologisches Konzept

Nach den Vorstellungen der Projektbetreiber geht es allerdings nicht nur um die Rückzüchtung derAuerochsen, sagt Bernhard Schmidtmann, Landschaftsplaner undGesellschafter der SALIX Weidegesellschaft mbH. Ziel sei auch dasZusammenspiel von Landwirtschaft und Naturschutz. Schmidtmann hat imAuftrag des Magistrats der Stadt Erfurt ein Konzept entwickelt, eineAuenlandschaft unter natürlichen Bedingungen entstehen zu lassen.

Seit drei Jahren lässt man nun der Natur freien Lauf. Die Rinderbräuchten ohnehin keine Pflege, erklärt Reisinger. Sie seien sehrresistent und ertrügen Temperaturen bis zu minus 30 Grad. Dank derurwüchsigen Tiere verändere sich auch die Natur in der Nesse-Aue."Wir haben in der kurzen Zeit schon erstaunliche Veränderungenbeobachten können", sagt auch Schmidtmann.

Sekundäre Folgen

Der Dung der Rinder ziehe Fliegen an, diese wiederum Fledermäuseund Vögel. "Durch die ganzjährige Beweidung mit unseren Robustrindernsind diese Tiere ebenfalls mit Nahrung versorgt", sagt Reisinger. DieVielfalt der Fledermäuse sei beispielsweise von fünf auf elf Artenangestiegen. Auch bedrohte Pflanzenarten kämen wieder öfter vor. "DieWechselwirkung zwischen großen Pflanzenfressern und der Vegetationwird weiter intensiv erforscht", sagt der Biologe. "DieLandwirtschaft profitiert letzten Endes von den Rindern alsFleischproduzenten." Das Fleisch sei wegen der natürlichen undartgerechten Haltung im Freien bestens gereift und äußerstschmackhaft. (APA/red)

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