Eva Rossmann: Ein Traum von einem Startpaket

2. Jänner 2002, 11:30
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Was uns zwar nicht eint, aber verbindet

Nein, ich habe mir kein Startpaket gekauft. Ich habe mir die Euroscheine noch nicht genau angesehen. Und der Wechselkurs liegt bei mir immer noch irgendwo zwischen 13,6 und 13,8. Doch, es kann Österreich nur gut tun, wenn ihm wenigstens ein Teil seiner unseligen Kleinkrämerseele abhanden kommt. Mehr aber spielt sich bei mir nicht ab, wenn ich an den Euro denke - habe ich gedacht. Bis mich die inspirierende Kraft der Euroinformationsoffensive überrollte:

Ich habe von unserem Bundespräsidenten geträumt. Zuerst trägt er die Nase dort, wo er sie üblicherweise trägt, dann senkt er sie langsam, bis er aussieht wie aller staatlicher Würden beraubt, er senkt sie tiefer und gleicht nun schon einem Bezirksfinanzbeamten, er hat sie fast am Boden und sucht: Aber da ist kein einziger Schilling mehr.

Dann sehe ich einen Baumeister vor mir, in der Hand einen prall gefüllten Sack, strahlend, als hätte er soeben Dolly Buster eingekauft, er macht den Sack auf, drinnen sind ganz gewöhnliche Baukieselsteine, das kindische Lächeln fällt ab wie Verputz. Weg sind die Schillinge. Für einen anonymen Bankräuber gibt es nur mehr statt frischer Tausender falsche Fünfziger, die Nachbarin hat in der Geldtasche Kohlblätter, mein Lieblingswirt bekommt für ein Rebhuhn 200 Kilo Kartoffeln und überlegt, die Branche zu wechseln. Nirgendwo ein einziger Schilling. Weder für Sinnvolles noch für Unsinniges, weder für Notwendiges noch für Luxus. Einen Traummoment lang sind alle gleich, zurückgeworfen auf sich selbst. Jeder quasi sein persönliches Startpaket.

Gerade habe ich überlegt, ob mir das gefällt, ob ich weiterträumen und sehen soll, was nach dem Augenblick der neu erlangten Unschuld geschieht, da ergreift ein gütig lächelnder Mann mit gepflegtem weißem Haar meine Hand und führt mich ins Innere eines goldenen Tresors. Dort leuchten Münzen und bunte Scheine, schon will ich zugreifen, als ich sie alle angestellt sehe: den Präsidenten und den Baumeister, den Räuber, die Nachbarin und meinen Lieblingswirt, deutsche Hausfrauen, italienische Beamte, spanische Lehrerinnen. Einige bekommen mehr, andere weniger - alle aber genauso viel, wie sie zuvor verloren hatten. Gesellschaftliche Verteilungskonflikte, persönliche Gier, Bescheidenheit, Pech? - Wurscht. Vor dem Euro sind alle gleich, das eint zwar nicht, aber es verbindet. Und der Präsident trägt seine Nase wieder dort, wo er sie üblicherweise trägt.

*Von der Autorin ist zuletzt bei Folio der Roman "Freudsche Verbrechen" erschienen.

DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 2.1.2002

von Eva Rossmann*
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