Stahlbranche hat Konjunktursorgen

2. Jänner 2002, 14:35
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Weltweit Kapazitätskürzungen geplant

Düsseldorf - Die europäische Stahlindustrie leidet derzeit wie andere Branchen unter der weltweiten Konjunkturabschwächung. Aber damit ist es bei ihr nicht genug: Überkapazitäten drücken auf den Markt, die Preise sind im Keller. Schließlich schwebt noch die Verhängung von Strafzöllen durch die USA wie ein Damoklesschwert über der Branche. Da wundert es nicht, wenn Prognosen Mangelware geworden sind und selbst kurzfristige Vorhersagen der Unternehmen oder Verbände blumig unkonkret bleiben. Dieter Ameling, Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl, hält in der gegenwärtigen Situation selbst eine grobe Prognose für 2002 für unseriös.

Vorhersagen sind laut Weltstahlverband IISI unsicher. Die Schätzung vom Oktober, wonach der Stahlverbrauch 2002 um 2,6 Prozent auf 799 Millionen Tonnen zunehmen werde, liege bestenfalls am obersten Ende der Erwartungsskala, heißt es neuerdings vor allem unter Hinweis auf die Schwächezeichen aus Nordamerika. Die Stahlproduktion ging nach IISI-Angaben im November weltweit bereits um 2,4 Prozent zurück. In der EU war sie um 4,4 Prozent, in den USA sogar um 12,3 Prozent rückläufig.

Bush schützt US-Stahlobby vor Importen

Das konjunkturell stark belastete Stahlgeschäft wird den Europäern noch zusätzlich erschwert durch einen drohenden Handelsstreit mit den USA. Die kleine, aber einflussreiche Stahllobby will dort erreichen, dass Präsident George Bush sie vor Importen schützt, indem er Zölle verhängt oder Quoten festlegt. Bush, dem ein freundschaftliches Verhältnis zu vielen Stahlbossen nachgesagt wird, will am 11. Februar über entsprechende Sanktions-Empfehlungen einer Handelskommission entscheiden. EU-Handelskommissar Pascal Lamy hat für den Fall von Sanktionen eine Beschwerde bei der Welthandelsorganisation nicht ausgeschlossen.

Kapazitätskürzungen in Diskussion

Die europäische Stahlindustrie wäre von Strafzöllen nach Ansicht einer Verbandssprecherin direkt wenig betroffen, da die Ausfuhren in die USA bereits 2001 drastisch geschrumpft seien. Belastungen befürchtet sie aber durch Stahlmengen, die von Drittländern statt in die USA auf den EU-Markt kämen. Diese Gefahr sieht Analyst Soer nicht. Die im Schnitt um 15 Prozent niedrigeren Stahlpreise in der EU und die höheren Transportkosten machten die Umleitung von Stahl beispielsweise aus Asien nach Europa unwirtschaftlich.

Für die US-Wirtschaft insgesamt wären Importe allerdings problematisch. "Die guten Autobleche, die die Amerikaner brauchen, können sie in der nötigen Menge gar nicht selbst herstellen", meint ein Stahlexperte. Die amerikanischen Stahlverbraucher veröffentlichten in dieser Woche eine Studie, nach der Importbeschränkungen zusätzliche Kosten von vier Milliarden Dollar jährlich verursachten und über 70.000 Arbeitsplätze gefährdeten. Europäische Stahlhersteller liefern meist hochwertigen Qualitätsstahl in die USA.

Dem Problem der Überkapazitäten will die Stahlindustrie durch Stilllegungen begegnen. Auf Anregung Bushs haben Regierungsvertreter zahlreicher Stahlnationen - darunter die großen Erzeuger USA, EU, Russland, Korea und Japan - Ende Dezember in Paris beschlossen, den Schrumpfungsprozess durch noch nicht näher bezeichnete politische Maßnahmen zu unterstützen. Bei dem Treffen waren Kapazitätskürzungen von 61 bis 65 Millionen Jahrestonnen bis 2003 diskutiert worden. Etwa ein Drittel davon soll in der EU vom Markt genommen werden. Über die Kürzungen soll auf einem weiteren Treffen Anfang Februar 2002 entschieden werden und damit zeitnah zu der Bush-Entscheidung über Importe, hieß es im Anschluss an die Beratungen. (APA/Reuters)

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