Politik aus der Wundertüte

2. Jänner 2002, 13:25
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Regisseur Dieter Wedel über sein ab 2. Jänner laufendes TV-Epos "Die Affäre Semmerling"

Nach knapp dreißig Jahren nimmt der deutsche TV-Regisseur Dieter Wedel ("Der Große Bellheim", "Der König von Sankt Pauli") seine Erfolgssaga rund um die Hamburger Familie Semmeling wieder auf. Standen einst Hausbau und Skiurlaub im Mittelpunkt der Handlung, geht es nun um Steuerangelegenheiten aller Art.


Wien - Ursprünglich war Die Affäre Semmeling als "Komödie über das Finanzamt" geplant, doch bereits bei den Vorarbeiten stieß Dieter Wedel auf dahinter stehende Institutionen und somit automatisch auf "die Politiker".

Entstanden ist schließlich ein umfassender Blick auf die Befindlichkeit unserer Gesellschaft. Antje Hagen und Fritz Lichtenhahn sehen sich als Ehepaar Semmeling den Winkelzügen des Finanzamtes hilflos ausgesetzt, darüber agieren korrupte Kommunalpolitiker (Robert Atzorn, Mario Adorf, Heinz Hoenig), denen keine Intrige zu schäbig ist. Sohn Sigi und Gattin Silke (Stefan Kurt, Heike Makatsch) werden gnadenlos aufgerieben. Im Interview mit dem STANDARD sprach Wedel von seinem primären Ansinnen als Filmemacher: Eine "Geschichte mit lebendigen Menschen" wollte er erfinden.

STANDARD: In der "Affäre Semmeling" kommen die Nöte der "kleinen" Leute genauso zur Sprache wie die Hintergründe kommunaler und bundesweiter Politik. War das die Herausforderung, der Sie sich stellen wollten?

Wedel: Das eine hat sich letztlich aus dem anderen ergeben. Bei einem Film über Steuern und Finanzamt kommt man zwangsläufig zu den Fragen des täglichen Lebens. Ich glaube aber, dass es die Rivalitäten und Kämpfe der Politik in jeder Firma gibt. Bei meinen Recherchen habe ich zum Beispiel gelernt, dass nicht der Wähler über das Schicksal eines Politikers entscheidet, sondern die Partei - und dass man selten am politischen Gegner scheitert, sondern am Parteifreund. Das sind Schicksale.

STANDARD: Die Lieblingsfrage des "Königsmachers" Mario Adorf an seine Politikerkollegen lautet: "Glaubst du an Gott?" Würden Sie selbst Politikern empfehlen, an Gott zu glauben?

Wedel: Mir ist aufgefallen, dass sich der Westen seit dem 11. September immer auch ein wenig für den Islam entschuldigt: dass man quasi Mitschuld hat, weil man dessen Nöte nicht wahrgenommen hat. Was wir dabei vergessen haben: Was sind die Werte des Westens? Ich denke, es ist der Respekt vor dem Individuum und die Erkenntnis, dass die ganze Welt in jedem einzelnen Menschen drinnen ist. Und wer das vergisst, kann zum Massenmörder werden. Dazu gibt es eine gewaltige Kultur, die wir auch anfangen zu vernachlässigen. Es gibt heute Abiturienten, die kaum noch wissen, wer Goethe ist. Wer nie begriffen hat, was Bach ist und was Thomas Mann ist, der versäumt eine Menge an Schönheit in der Welt. Das sind ein paar Fragen, die in unserem Film auch auftauchen.

STANDARD: Ihre Akteure machen eine ziemliche Wende durch. Der sanfte Hauseigentümer, der plötzlich mit der Schrotflinte um sich schießen will oder das sich treu liebende Paar, das in seiner Verstrickung mit der Macht auf alles vergisst, was ihm heilig ist. Sind die Menschen wirklich so wenig gefestigt?

Wedel: Es ist das Ergebnis dessen, was das Leben mit einem anstellt. Wenn ich um mich schaue, sehe ich nie das, was ich häufig in Filmen sehe, nämlich da den Bösen und dort den Guten. Ich sehe immer Menschen, die sich einmal anständig verhalten, dann aber wieder auch nicht so grandios. Das geht uns allen so. Menschen scheitern und zerbrechen, das ist aber auch der Grund, warum es gute Filme, Bücher und Theaterstücke gibt.

STANDARD: Wie haben Sie für die Serie recherchiert?

Wedel: Zum einen habe ich Leute, die für mich vorarbeiten. Auf der anderen Seite muss ich mir vor Ort ein Bild machen können, um zu sehen, wo meine Gesprächspartner nicht antworten, wo sie ausweichen. Die Bereitschaft, sich mit mir hinzusetzen, war aber sehr groß. Die schwierigsten Recherchen waren zum Beispiel jene in der Beamtenschaft, weil ich die Inhalte einfach nicht kapiert habe. Ich bin also wieder und wieder hin und die haben sich hingesetzt und gelacht: "Das kennen wir schon, weil die Politiker kapieren das ja auch nicht."
STANDARD: Halten Sie Politiker generell für korrupt?

Wedel: Ich glaube, es ist albern, Politikern Küngelei vorzuwerfen, weil genau das ist Politik. Im Gegensatz zu mir als Regisseur brauchen sie zu allem auch eine Mehrheit. Die Vorverurteilung durch Politik ist meiner Meinung nach schlimm. Wenn jemand große Stärken hat, dann hat er auch Schwächen. Natürlich muss man ihm auf die Finger hauen, wenn er Recht mit Macht vertauscht, aber man darf auch nicht den ganzen Stand der Politiker kriminalisieren.

STANDARD: Heinz Hoenig ist als berechnender Kommunalpolitiker Axel Ropert der unumstrittene Star. Was zeichnet ihn Ihrer Meinung nach aus?

Wedel: Widersprüchlichkeit. Dieser Axel Ropert ist eine politische Wundertüte, und niemand weiß, was drin ist. Er hat eine beträchtliche Anziehungskraft und beträchtliches Charisma. Hoenig selbst sagte zu mir: "Das ist aber doch eine sehr positive Figur, nicht wahr?" Nun, darüber kann man geteilter Meinung sein, würde ich sagen. Aber er hat immer um seine Figur gekämpft, dass sie zu den Guten gehört, und das finde ich wunderbar, wenn ein Schauspieler mit aller Kraft seine Figur verteidigt. Wir alle haben gute Gründe für unser Verhalten und verteidigen uns.

STANDARD: Sie haben sich bei Ihrer letzten Serie, dem "König von St. Pauli" lautstark über die Werbeeinschaltungen von Sat.1 geärgert. Ist jetzt beim ZDF wieder alles in Ordnung? Product-Placement gibt es doch auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Wedel: Natürlich wusste ich, dass sich ein Privatsender über Werbeeinnahmen finanziert. Nur sprach man im Vorfeld von drei Werbepausen, und ich habe versucht, auf diese Unterbrechung hin zu inszenieren. Als ich schon beim Schneiden war, erfuhr ich, dass es ein überdurchschnittliches Interesse gab, Werbung zu schalten. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass dadurch meine inszenierten Werbepausen kippen, es waren letztlich fünf Unterbrechungen, was 45 Minuten Werbung pro Folge ergab. So kann man keine Geschichte erzählen. Was die Schleichwerbung betrifft: Das würde mich stören, das würde ich nicht machen.

STANDARD: Stichwort Legendenbildung: Sind Ihnen die Geschichten rund um Ihre Person zuwider oder können Sie damit gut leben?

Wedel: Ich fürchte, das gehört dazu. Dieser Stempel, den mir die Medien aufgedrückt haben - vom Workaholic bis zum Choleriker -, das muss ich einfach hinnehmen. Mich irritiert nur die Häme, mit der Journalisten manchmal vorgehen. Wenn sie merken, dass man mit mir ganz ruhig und vernünftig reden kann, lese ich am nächsten Tag zwar davon, allerdings mit dem Zusatz "Er gibt sich . . ." Es wird mir sofort unterstellt, ich verstellte mich! Da fragt man sich dann doch, was haben diese Leute für eine Freude daran, Menschen, die man gar nicht kennt, eine reinzuwürgen? Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich renommierte Schauspieler immer wieder für mich freihalten würden, wenn ich sie wirklich so schlecht behandeln würde.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 1. 2002)

Von Doris Priesching
Sendetermine:
ORF:
2., 7., 8., 9. Jänner jeweils 20.15 Am 12. 1. um 21.10 und am 14. 1. um 20.15

ZDF:
2., 4., 7., 9., 12. und 14. 1., jeweils 20.15

KOPF DES TAGES
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